LNG-Terminal in Rotterdam (Flickr)

LNG-Terminal in Rotterdam (Flickr)

Im deutsch-amerikanischen Streit um Gaslieferungen könnte der Bau eines LNG-Terminals in Wilhelmshaven die Lösung bieten. Doch auch dieses Projekt ist umstritten.

Der August beginnt mit einer brüsken Ansage aus den USA: Sollte sich der Fährhafen Sassnitz auf Rügen am Bau der Pipeline Nord Stream 2 beteiligen, drohten „vernichtende rechtliche und ökonomische Sanktionen“, schreiben drei Senatoren an den Hafenbetreiber. Sassnitz ist Anlaufpunkt für Schiffe, die Rohre für die Gaspipeline in der Ostsee verlegen. Sie soll russisches Gas nach Deutschland transportieren, eigentlich bereits seit 2019. Doch schon damals drohten die Amerikaner mit Sanktionen. Auf Initiative des texanischen Senators Ted Cruz zog der Senat die Daumenschrauben nun weiter an: Jetzt können auch Firmen und Einzelpersonen für ihre Beteiligung an der Pipeline zur Rechenschaft gezogen werden. Dem Vorstand, Anteilseignern und Mitarbeitern des Hafenbetreibers droht ein Einreiseverbot, Vermögen könnten eingefroren werden.

Das Ziel der USA ist klar: Statt russischem Gas soll Europa amerikanisches kaufen

Es ist ein Tiefpunkt im Konflikt um die Energieversorgung zwischen Deutsch- land und den USA. Dahinter steckt wirtschaftliches Kalkül: Statt russischem Erdgas würden die USA lieber amerikanisches Flüssiggas in Europa sehen. Deshalb passt ihnen ein ande- res deutsches Hafenprojekt besser ins Konzept: das geplante LNG-Terminal in Wilhelmshaven. Am Jadebusen soll eine „Floating Storage und Regasification Unit“ (FSRG), eine schwimmende Anlage für Liquified Natural Gas (LNG) entstehen. Geplant ist eine Speicherkapazität von 236.000 Kubikmetern für verflüssigtes Erdgas. Die Anlage soll Flüssiggas in Küstennähe von Tankern aufnehmen, wiederverdampfen und über die Hafenanlagen ins Versorgungsnetz einspeisen.

Befürworter des Projekts versprechen sich davon Unabhängigkeit von russischem Gas, der Weg wäre frei für Importe der drei großen Ausfuhrländer Katar, Australien und eben den USA. Und als sogenannte Brückentechnologie schließe es die Versorgungslücke, die sich durch das Aus von Atomenergie und Kohle auftut. Immerhin werde bei der Verbrennung von Flüssiggas weniger CO2 freigesetzt als etwa beim Einsatz von Schweröl.

Konkurrenz droht Wilhelmshaven aus Stade und Brunsbüttel, die eben- falls Fördermittel für Terminals bean- tragt haben. Die German LNG Terminal GmbH, die in Brunsbüttel mit Unterstützung des Energiekonzerns RWE ein Terminal errichten will, gab im Juni eine Absichtserklärung heraus, die technischen Möglichkeiten für den Bau zu prüfen.

Bisher konnte Wilhelmshaven auf den Standortvorteil verweisen: Ein Gutachten erklärt, dass Strömungen und enge Einfahrten dort anders als bei den beiden Konkurrenten kein The- ma sind. Auch Niedersachsens Energie- und Umweltminister Olaf Lies setzt sich klar für Wilhelmshaven ein.

Doch es gibt Gegenwind – von Umweltschützern, Ökonomen und auch aus der lokalen Politik. Die Deutsche Umwelthilfe erklärte in einem Rechts- gutachten, die Lagerung eines hochexplosiven Stoffes in unmittelbarer Nähe zum Nationalpark Wattenmeer verstoße gegen EU-Naturschutzgesetze. Bei der Gasförderung entweicht zudem Methan, das rund 25-mal so klima- schädlich ist wie CO2. Im Juli wurde zu- dem bekannt, dass der ursprünglich geplante Standort ein Umweltbiotop gefährdet. Uniper will nachbessern, doch die Grünen kritisieren, dass auch der neue Standort zu nah an geschützten Gebieten liege.

Kritiker bezweifeln zudem, dass LNG als Brückentechnologie überhaupt notwendig ist. Der Bau von LNG- Anlagen zögere die konsequente Umstellung auf erneuerbare Energien weiter hinaus und gebe erneut einem konventionellen Energieträger den Vorrang – deren Abwicklung den Steuerzahler bei Atomenergie und Kohle Milliarden gekostet hat.

In einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ schrieb die in Oldenburg lebende Wissenschaftlerin Claudia Kemfert kürzlich „Alle bisherigen ,Brückentechnologien’ haben sich als Brücke ins Nichts“ erwiesen“, erklärte die Professorin für Energieökonomie, die die Abteilung für Energie, Umwelt und Ver- kehr am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin leitet.

Umweltschützer protestieren gegen den Bau. Auch Lokalpolitiker äußern sich kritisch

Auch vor Ort gibt es Proteste gegen das Projekt. Umweltaktivisten haben mehrfach gegen die Pläne demonstriert und selbst in Lies’ SPD rumort es. Der Ortsverein Wilhelmshaven-West hat den Import von gefracktem Flüssigerdgas kürzlich ausdrücklich abgelehnt.

In den USA wird LNG vor allem durch Fracking gewonnen, eine der umweltschädlichsten Arten der Energieförderung. Dabei wird eine Mischung aus Wasser und Chemikalien unter hohem Druck in das Bohrloch gepresst. So werden die Risse im Ge- stein vergrößert und der Durchfluss von Öl und Gas erhöht. Seit der Wirtschaftskrise 2008 setzt Amerika ver- mehrt auf Fracking, Öl- und Gasfördermengen sind in die Höhe geschossen.

Bis 2016 importierten die USA noch selbst LNG, zwei Jahre später waren sie zum drittgrößten Exporteur hinter Ka- tar und Australien aufgestiegen. Seit- dem haben sich die Exporte noch ein- mal beinahe verdoppelt, weil immer neue Terminals gebaut werden. Nicht zuletzt nutzte Trump den Handels- streit mit der EU 2018, um den Europäern eine Zusage zu LNG-Einkäufen abzuringen. Ein Ende ist nicht in Sicht: „Um unsere dominante Position zu sichern, verkündet meine Regierung heute, dass die Exportgenehmigungen für amerikanisches LNG bis ins Jahr 2050 verlängert werden“, sagte Trump vor wenigen Wochen.

Die Amerikaner haben mit Uniper schon einen vorläufigen Vertrag geschlossen. Uniper hat versprochen, LNG aus dem texanischen Freeport nach Wilhelmshaven zu importieren. Doch mit ihrem Auftreten bei der Nord Stream-Pipeline machen sich die USA in Deutschland derzeit keine Freunde. Klaus Ernst, der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie, forderte Gegenmaßnahmen wie Strafzölle – ausgerechnet auf amerikanisches Flüssiggas.

(Die Wirtschaft)