(Foto: Männer, Frauen und Kinder pflücken um 1850 Baumwolle unter Kontrolle eines Aufsehers. via Wikimedia Commons)

Sobald es um Sklaverei und Rassismus geht, droht Streit an amerikanischen Schulen. Zunehmend schreiben Bundesstaaten vor, was Lehrkräfte wie zu unterrichten haben. Mit den Geschichtsbüchern fängt es an.

Am 19. Juni 1865, gut zwei Monate nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs, zog General Gordon Granger mit seinen Männern durch die texanische Stadt Galveston. Sie marschierten von ihrem provisorischen Hauptquartier zum Zollamt, weiter zum Gerichtsgebäude, schließlich zu einer Kirche für Schwarze. Überall verlas Granger »General Order No. 3«: »Das Volk von Texas wird hiermit unterrichtet, dass gemäß einer Proklamation der Regierung der Vereinigten Staaten alle Sklaven frei sind.«

Schon am 22. September 1862 hatte Präsident Abraham Lincoln mit der Emanzipationsproklamation erklärt, die Sklaven seien frei in den Staaten, die ab 1. Januar 1863 (als die Proklamation in Kraft trat) zu den Konföderierten zählten, also zu den von den USA abgespalteten Südstaaten. In den Bürgerkriegswirren dauerte es drei Jahre, bis die Kunde ihrer Freiheit auch die letzten versklavten Menschen in Texas erreichte. Offiziell aufgehoben wurde die Sklaverei erst 1865 mit dem 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung.

Den 19. Juni begehen Afroamerikaner seitdem als »Juneteenth«-Gedenktag, das Ende eines traumatischen Kapitels der Geschichte. Vergangene Woche beschloss der US-Senat, »Juneteenth« zum landesweiten Feiertag zu machen.

Kurz zuvor hatte der texanische Gouverneur Greg Abbott ein Gesetz unterzeichnet, das regelt, wie an Schulen über die Sklaverei gesprochen wird: Das neue »Projekt 1836«, ein neunköpfiges Komitee, soll »patriotische Bildung« fördern. 1836 bezieht sich auf das Gründungsjahr der »Republik Texas« und die Schlacht von Alamo als Gründungsmythos. Außerdem sollen alle, die einen Führerschein beantragen, eine Broschüre zur Geschichte des Bundesstaates erhalten.

Mitte Juni hat der Republikaner Abbott ein weiteres Gesetz unterschrieben, nach dem Lehrer im Klassenzimmer nicht verpflichtet werden dürfen, aktuelle Ereignisse oder politische Streitthemen zu erörtern – wenn sie es doch tun, müssen sie beide Sichtweisen präsentieren und dürfen keine bevorzugen.

Oberflächlich betrachtet würden damit »auch Menschen mit spanischer Herkunft und Ureinwohner als Teil der Geschichte behandelt«, sagt Donald Yacovone, Historiker an der Universität Harvard. Sogar Juneteenth werde erwähnt. »Aber wie kann man über Juneteenth reden, ohne aufgeklärt zu werden über die Sklaverei, die Sezession und das Debakel der Reconstruction

Die »Rekonstruktion« war nach dem Bürgerkrieg die Phase der Wiedereingliederung der Südstaaten. Dabei gelang es kaum, dort das Machtmonopol der alten Eliten zu brechen; Schwarze wurden trotz formaler Gleichstellung weiterhin unterdrückt, noch über Jahrzehnte.

Nicht allein Texaner streiten über die Vermittlung von Geschichte, insbesondere zum Thema Rassismus. Auch Arkansas, Iowa, Louisiana, Oklahoma, Arizona, Florida, North Carolina und weitere Bundesstaaten schränken den Unterricht zum Umgang mit Minderheiten ein. So verbietet in Missouri ein Gesetz, Menschen, Gruppen oder Institutionen in den USA als sexistisch, rassistisch, anti-LGBT, privilegiert oder unterdrückt darzustellen.

Kürzlich versammelten sich Lehrerinnen und Lehrer in über 30 US-Städten unter dem Motto »Teach Truth«. In Milwaukee trafen sie sich am Ort eines Lynchmords, in Memphis an der Stelle, wo der Ku-Klux-Klan-Anführer Nathan Bedford Forrest vor gut 150 Jahren einen Sklavenmarkt unterhielt. Tausende versprachen in einer Petition, die Wahrheit zu unterrichten: »Wir, die unterzeichnenden Lehrenden, weigern uns, junge Menschen über die Geschichte und aktuelle Ereignisse anzulügen – egal, was das Gesetz vorschreibt.«

Mit dem Versuch, die Deutungshoheit über die US-Geschichte an sich zu reißen, reagieren einige Bundesstaaten darauf, dass viele Schulen Rassismus seit dem Mord an George Floyd und dem Aufflammen der Black-Lives-Matter-Bewegung stärker zum Thema machen. Ebenso stören vor allem Südstaaten sich an der »critical race theory«, die Rassismus als systemisch und strukturell kritisiert, statt ihn nur Einzelakteuren zuzuschreiben. Dieser Ansatz ist auch bei Historikern umstritten; manche sehen darin eine vereinfachende und verengende Theorie, die jeden Konflikt und jedes Problem auf eine Machtstruktur reduziert, in der Weiße systematisch Menschen anderer Hautfarbe unterdrücken.

Unterricht zur »Geschichte des weißen Mannes«

Zugleich lehnen Südstaaten-Regierungen das »1619 Project« der »New York Times« ab, das 1619 als Jahr der amerikanischen Staatsgründung ansieht: Da erreichten die ersten versklavten Afrikaner per Schiff die Kolonie Virginia. Fürs Klassenzimmer entwickelte Redakteurin Nikole Hannah-Jones mit dem Pulitzer-Zentrum ein Lehrpaket zum Erbe der Sklaverei. Das viel beachtete Projekt ist unter Historikern umstritten.

Dabei gibt es an US-Schulen großen Nachholbedarf. Im März 2019 spielte eine Lehrkraft im Bundesstaat New York mit Fünftklässlern eine Sklavenauktion nach, bei der afroamerikanische Schüler an ihre weißen Mitschüler verkauft wurden. Die Generalstaatsanwältin ermittelte, die Lehrkraft wurde entlassen. Der Staat Texas erkannte erst 2019 öffentlich an, dass der Streit über Sklaverei zum Bürgerkrieg führte. In Schulbüchern werden Sklaven dennoch weiter als »importierte Arbeitskräfte« bezeichnet.

»Nichts hatte so viel Einfluss auf den weißen Geist wie die Art, in der Afroamerikaner und die Geschichte der Sklaverei Generationen von Schülern präsentiert wurden«, sagt Donald Yacovone. Er hat 3000 Schulbücher untersucht, die meisten von Autoren aus den Nordstaaten. »Nicht die Sklaverei in den Südstaaten ist der Ursprung für unseren heutigen Konflikt, sondern die unbeugsamen Überzeugungen und Wertvorstellungen von der Überlegenheit der Weißen aufseiten der Nordstaatler«, sagt Yacovone. Als Beispiel nennt er ein Lehrbuch von 1930: »Die allererste Seite beginnt mit der Überschrift ›Die Geschichte des weißen Mannes‹.«

Erst nach der Bürgerrechtsbewegung beschrieben erste Schulbücher Afroamerikaner als gleichrangige Menschen, andere stellten sie noch bis in die Siebzigerjahre als minderwertig und für die Sklaverei geeignet dar. Um Streit über Bürgerrechte zu vermeiden, begannen viele Südstaaten ihre Lehrwerke auf die Geschichte des eigenen Bundesstaats zu beschränken und das Thema Sklaverei regelrecht auszuklammern. Bis heute veröffentlichen Verlage Lehrbücher getrennt für die Südstaaten und für den Rest der USA.

Wird es ein historischer Bumerang?

Yacovone sieht die neuen Gesetze als Vorstoß, die Geschichte der vermeintlichen »weißen Überlegenheit« fortzuschreiben. Doch das könnte den republikanischen Gesetzgebern auch auf die Füße fallen.

Der Historiker Brian Franklin lehrt texanische Geschichte in Dallas. Im US-Medium »Slate« schrieb er, dass Lehrkräfte mit ihren Schülern genau jene Gründungsdokumente lesen und analysieren können, auf die Gouverneur Greg Abbott und das »Projekt 1836« solchen Wert legen – und dabei kämen sie zu ganz anderen Erkenntnissen als erwünscht.

So beschreibe die Verfassung der Republik Texas von 1836, »dass es illegal für den Kongress oder ein Individuum war, einen Sklaven zu befreien. […] Dass ›Afrikaner, die Nachkommen von Afrikanern und Indianer‹ keine Rechte hatten«. Franklin zitiert auch aus der »Declaration of Causes«, mit der Texas 1861 kurz vor dem Bürgerkrieg aus der Union austrat: »Ihr geliebter Staat war gegründet worden ›exklusiv von der weißen Rasse, für sie selbst und ihre Nachkommen‹«, heißt es darin.

Franklin prophezeit dem Gouverneur, sein »Projekt 1836« führe die Schüler direkt an die Stellen, die er verstecken wolle. »Es steht alles in den Dokumenten – jeder kann es sehen.«

(Spiegel Geschichte)