Die 140 europäischen Atommeiler werden ab Juni auf mögliche Risiken wie Flugzeugabstürze getestet. An welchen Standorten es problematisch werden könnte.

Das tschechische Kernkraftwerk Temelin hält einen unrühmlichen Rekord. Seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2002 sind in der Anlage bereits über 100 Störfälle aufgetreten. „Die Anlage müsste eigentlich sofort vom Netz“, sagte Rebecca Harms, Europaabgeordnete der Grünen. Trotz massiver Kritik an Tschechiens größtem Kraftwerk will die Regierung die Anlage um zwei Reaktoren erweitern.

Weil Temelin nicht das einzige Kraftwerk mit einer solch erschreckenden Bilanz ist, sind Kritiker der Atomkraft von den vorgestellten Stresstests für europäische Atomkraftwerke enttäuscht. Sie hatten sich auf EU-Kommissar Günther Oettinger verlassen, der im Vorfeld der Verhandlungen versprach, keinen Stresstest light durchzuwinken. Doch die jetzt erzielte Einigung geht vielen nicht weit genug. Erstens, weil der Test die Gefahr von Terrorangriffen nicht berücksichtigt. Und zweitens, weil Oettinger offenlässt, ob ein Atomkraftwerk vom Netz muss, wenn es den Test nicht besteht. Oettinger verwahrt sich gegen einen „Abschaltautomatismus“ – das sei Sache der nationalen Autoritäten.

Jede Menge Problemreaktoren

Dabei gelten unter Kritikern der Atomenergie schon seit Langem viele der alten europäischen Meiler als Abschaltkandidaten. Sie hoffen, dass die Mängel der Anlagen nach Durchführung der Stresstests öffentlich werden und so viel öffentlichen Druck erzeugen, dass die Staaten ihre kritischen Meiler vom Netz nehmen.

Denn Temelin ist zwar das derzeit krasseste, aber nicht das einzige Beispiel für Problemreaktoren in Europa: In unangenehmer Erinnerung ist auch der Störfall im schwedischen Forsmark 2006. Ein Kurzschluss außerhalb des Kraftwerks führte zur Schnellabschaltung eines Blocks. Notstromversorgung und Notkühlung versagten, auch das Steuerungssystem fiel aus. Mehr als 20 Minuten hatten die Mitarbeiter im Kraftwerk keinen Überblick über den Zustand des Reaktors. Ein ehemaliger Konstruktionsleiter des Kraftwerks erklärte später, Forsmark habe kurz vor einer Kernschmelze gestanden.

In Ungarns einziger Anlage Paks beschädigten Arbeiter bei Reinigungsarbeiten an den Brennstäben 2003 die Reaktorhülle. Sie mussten aus der Halle fliehen, weil radioaktives Gas austrat. 2007 wurden die Schäden am Reaktor endgültig behoben. Gravierende Störfälle traten außerdem in den französischen Anlagen Civaux und Fessenheim auf.

Ausfall des elektronischen Systems

Das Krisenmanagement in solchen Notfällen ist jedoch nicht direkt Teil der jetzt vereinbarten Stresstests. Die Betreiber der europäischen Anlagen sollen vielmehr nachweisen, dass ihre Kraftwerke schweren Erdstößen, Überflutungen und extremer Hitze oder Kälte standhalten. Auch die Widerstandsfähigkeit gegen mehrere gleichzeitig auftretende Naturkatastrophen müssen sie nachweisen.

Im französischen Kraftwerk Blayais reichte die Kombination aus Sturm und Wasser: Heftige Stürme drückten im Dezember 1999 das Wasser in die Anlage am Ufer der Atlantikmündung Gironde. Die eindringenden 100.000 Kubikmeter Wasser bewirkten den Ausfall des elektronischen Systems. Alle Blöcke mussten vorübergehend abgeschaltet werden.

Für das nahe der deutschen Grenze gelegene französische Kraftwerk Fessenheim hat die französische Aufsichtsbehörde ASN zudem schon vor Jahren festgestellt, dass einige Komponenten der mehr als 30 Jahre alten Anlage unzureichend gegen Erdbeben gesichert sind. Ähnlich das Urteil für den Meiler im französischen Dampierre: Im Falle schwerer Erschütterungen drohen ein Stromausfall und in der Folge das Versagen der Notkühlung – das gleiche Szenario wie in Fukushima. Als ungenügend gegen Erdbeben gesichert gilt auch der Cermavoda-Meiler in Rumänien.

Spanischer Reaktor vom gleichen Typus wie der Fukushima-Meiler

Die Atomkraftwerke in Osteuropa gelten unter Experten in Sachen Bauweise und Sicherheitskonzept als hoffnungslos veraltet. Im Falle eines Flugzeugabsturzes droht die totale Zerstörung. „Die Anlagen in Tschechien, Ungarn und Slowenien verfügen alle nicht über eine zweite Schutzhülle“, sagt Jan Haverkamp von Greenpeace.

Auch die Anlagen im spanischen Garoña und das Schweizer AKW Mühleberg könnten ins Zwielicht geraten: Garoña ist vom gleichen Typus wie Fukushima, die Reaktoren in Mühleberg sind zumindest teilweise baugleich. Gerade läuft in der Schweiz eine Diskussion um das Kraftwerk. Die Regierung beschloss am Mittwoch, aus der Atomkraft auszusteigen.

Ob Europas Problemreaktoren nach Abschluss der Stresstests wirklich vom Netz müssen, ist noch völlig offen. Haverkamp kann sich vorstellen, dass einige Kraftwerke geopfert werden, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Dass Länder wie Großbritannien oder Frankreich ihren atomfreundlichen Kurs überdenken, glaubt er aber nicht. „In diesen Ländern ist die Atomkraft ein Glaube. Die Stresstests werden daran nichts ändern.“

erschienen 05/2011 in der Financial Times Deutschland