Ruby Bridges eskortiert von US-Marshalls auf dem Weg aus ihrer Grundschule (Flickr)

Ruby Bridges eskortiert von US-Marshalls auf dem Weg aus ihrer Grundschule (Flickr)

Nur mit Eskorte konnte die Sechsjährige zum Unterricht: Ruby Bridges war 1960 die erste Afroamerikanerin an ihrer Schule in New Orleans. Davor lauerte eine aggressive Meute, feindselige Frauen machten ihr das Leben zur Hölle.

Der Morgen ihres ersten Schultags war aufregend für Ruby Bridges. Ihre Mutter Lucille gab sich besonders viel Mühe, dann erschienen vier wichtig aussehende Männer in Anzügen und mit Armbinden an der Haustür und fuhren mit ihnen zur William-Frantz-Grundschule im Stadtviertel 9th Ward in New Orleans. Die Sechsjährige und ihre Mutter kletterten aus dem Auto, umringt von den vier Männern liefen sie zum Eingang. Ruby sah Barrikaden, eine johlende Menge, Polizeibeamte.

„Ich dachte, es ist Mardi Gras“, erinnerte sie sich knapp 40 Jahre später in ihrem Buch „Through My Eyes“. Doch New Orleans feierte an diesem 14. November 1960 keinen Karneval. Die lärmende Menge protestierte dagegen, dass die kleine Afroamerikanerin die Schule gemeinsam mit weißen Kindern besuchte. Das Mädchen hörte Buhrufe und Geschrei: „Die Nigger wollen die Macht ergreifen, sie wollen uns alle von hier verdrängen!“

Ruby Bridges‘ erster Schultag vor 60 Jahren markierte den Höhepunkt im Kampf um die Rassentrennung an Schulen im US-Bundesstaat Louisiana. Zwar hatte der Supreme Court, das oberste Gericht der Vereinigten Staaten, schon 1954 geurteilt, dass die Rassentrennung in Bildungseinrichtungen gegen die Verfassung verstoße und daher aufzuheben sei. Doch die südlichen Bundesstaaten wehrten sich gegen die Durchsetzung, so wie sie sich schon jahrzehntelang gegen gleiche Rechte für schwarze Bürger gewehrt hatten.

Einziges schwarzes Kind an der Schule

Nun versuchten sie, das Urteil zu unterlaufen. Als sich 1957 die ersten neun afroamerikanischen Jugendlichen an der Little Rock Central High School in Arkansas einschrieben, entsandte der Gouverneur des Bundesstaats sogar die Nationalgarde, um sie am Betreten der Schule zu hindern. US-Präsident Dwight D. Eisenhower war gezwungen, das Militär nach Arkansas zu schicken, um ihnen Schutz zu gewähren. Dennoch wurden die neun Schüler massiv beschimpft und bedrängt.

Dem Bundesstaat Louisiana setzte ein Bundesrichter schließlich ein Ultimatum: Zu Beginn des Schuljahres am 14. November 1960 sollten erstmals afroamerikanische Schüler gemeinsam mit weißen Schülern zugelassen werden.

Bei einem Eignungstest im Jahr zuvor hatte man geeignete Kandidatinnen ermittelt. Drei afroamerikanische Mädchen bestanden die Prüfung und wurden an der Grundschule McDonogh 19 in einem Nachbarbezirk aufgenommen, Ruby Bridges an der William-Frantz-Grundschule.

Als die Bürgerrechtsorganisation NAACP diese Nachricht den Eltern Lucille und Abon Bridges übermittelte, ließ sie ein Detail aus: „Ich wusste nicht, dass Ruby das einzige schwarze Kind an der Schule sein würde. Ich wusste nicht, wie schlimm die Dinge werden würden“, sagte Lucille Bridges später.

Volle Ladung Hass der „Cheerleader“

Von den 575 Schülern der Schule erschienen am ersten Schultag nur 105. Aus dem Büro der Direktorin beobachteten Lucille Bridges und Ruby, wie weiße Mütter ihre Kinder aus der Klasse nahmen – aus Protest gegen Rubys Anwesenheit. Der Mob vor der Schule feuerte sie an. Auch am Nachmittag eskortierten Federal Marshalls Ruby und ihre Mutter. „Am besten erinnere ich mich an eine schwarze Puppe in einem Sarg. Das hat mir mehr als alles andere Angst gemacht“, so Ruby Bridges.

Besonders aggressiv agierte eine Gruppe Frauen, die von der lokalen weißen Presse bald „Cheerleader“ genannt wurden. Schon in Little Rock 1957 hatten sich Frauen aus der Nachbarschaft organisiert. Die Frauen in New Orleans wussten, dass der Protest dort die Integration nicht aufgehalten hatte, und traten deshalb noch krasser auf.

„Das hatte man noch nicht gesehen, dass sich weiße Frauen so benehmen“, sagt die Bochumer Historikerin Rebecca Brückmann, die über weiße Frauen im Widerstand gegen das Ende der Rassentrennung ein Buch geschrieben hat („Massive Resistance and Southern Womanhood: White Women, Class, and Segregationist Resistance“).

Viele der Frauen hatten selbst keine Kinder an der Schule. Sie schwenkten Papier-Totenköpfe und Schlingen, sie spuckten, brüllten und warfen mit Gegenständen. „Es gab gar keine Bemühungen, respektabel zu wirken. Diese Frauen gaben sich explizit als Frauen der unteren Schicht. Sie waren stolz darauf und hatten ein regelrechtes Arbeitsethos gegenüber dem Protest“, sagt Juniorprofessorin Brückmann. „Sie nutzten das Bild der Mütterlichkeit als Vorwand, um es mit weißer Überlegenheit zu vermischen.“

Immerhin ein freundliches weißes Gesicht grüßte Ruby täglich: Barbara Henry. Die Lehrerin war kurz zuvor nach New Orleans gezogen und bereit, eine integrierte Klasse zu unterrichten. Henry setzte sich neben ihre einzige Schülerin, sie lernten das Alphabet, rechneten, malten und sangen. Weil Ruby nicht auf dem Schulhof spielen durfte, schob Henry manchmal die Tische aus dem Weg, und die beiden machten zusammen leichte Sportübungen. Während des Unterrichts saßen die Personenschützer auf dem Schulflur und eskortierten Ruby auch, wenn sie zur Toilette musste.

Enge Verbindung zur Lehrerin

Mittagspause machte Henry im Lehrerzimmer, wo Kollegen sie mit abwertenden Kommentaren empfingen. Ruby aß allein im Klassenzimmer, die Cafeteria durfte sie nicht betreten. Als der Hausmeister erst Ungeziefer und dann Sandwiches fand, die Ruby in ihrer Einsamkeit im Klassenraum versteckt hatte, verbrachten Lehrerin und Schülerin die Mittagspause gemeinsam. Ihre Verbindung wurde so eng, dass Ruby ihren Südstaatenakzent ablegte und wie Barbara Henry zu sprechen begann.

Um den Schulbetrieb ganz zu stoppen, organisierten die „Cheerleader“ einen Boykott: Nach einem alten Gesetz in Louisiana konnten Schulen mit zehn oder weniger Schülern geschlossen werden. Weiße Eltern, die ihre Kinder weiterhin zur Schule schickten, wurden drangsaliert und attackiert.

Die Rassistinnen beleidigten, schubsten und schlugen Daisy Gabrielle, weil sie ihre Tochter Yolanda zur Schule brachte. Gabrielle verteidigte sich, indem sie ihre Handtasche schwang. Der Mob bezog Stellung vor dem Haus der Familie. Drei Wochen hielten die Gabrielles dem Druck stand, dann zogen sie in einen anderen Bundesstaat.

„Ich werde dich vergiften!“

Der Methodistenpfarrer Lloyd Andrew Foreman schickte seine fünfjährige Tochter ebenfalls weiter zur Schule, bis auch die Foremans nach einigen Wochen aufgaben und wegzogen. Die feindseligen Frauen beschimpften ihn als „white trash“, als „Abschaum“, ein abfälliger Südstaaten-Begriff für weiße Unterschichtler. „Sie nahmen damit ein Label, das man eigentlich ihnen aufdrücken wollte, und drehten es um: Für diese Frauen waren diejenigen der Abfall, die ihre rassistische Ideologie nicht mittrugen“, sagt Rebecca Brückmann.

Der Weg vorbei an den „Cheerleadern“ wurde für Ruby zum täglichen Spießrutenlauf. Immer schrie eine: „Ich werde dich vergiften! Ich finde einen Weg!“ Ruby bekam Ess- und Schlafprobleme. Ein Psychologe, der sie und die drei afroamerikanischen Mädchen an der McDonogh-Schule im ersten Schuljahr betreute, traf Ruby regelmäßig und ließ sie Bilder von sich, der Schule und ihren Erlebnissen malen. Allmählich erholte sich das Mädchen.

Der „Cheerleader“-Protest ebbte erst nach Monaten ab. Statt mit Marschall-Eskorte kam Ruby nun per Taxi zur Schule und nach Hause. Einige weiße Schüler kehrten gegen Ende des Schuljahres zurück: Manche Eltern konnten es sich auf Dauer nicht leisten, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken, an denen es weiter keine Afroamerikaner gab.

So kam aber auch der Rassismus direkt ins Klassenzimmer. „Eines Tages ging mir ein Licht auf, als ein kleiner weißer Junge sich weigerte, mit mir zu spielen: ‚Ich kann nicht mit dir spielen. Meine Mutter hat’s mir verboten, weil du ein Nigger bist.‘ In dem Moment ergab für mich alles Sinn. Ich verstand endlich, dass all das geschehen war, weil ich schwarz war“, so Bridges.

In den folgenden Jahren schickten die „Cheerleader“ ihre Kinder auf Schulen im Nachbarbezirk oder zogen um, um die Integration zu umgehen. Im Zuge der „white flight“, der weißen Flucht, zogen zahlreiche weiße Familien aus ethnisch durchmischten Stadtvierteln in die Vororte, wo sie wieder unter sich blieben.

Lucille Bridges ist am 10. November 2020 im Alter von 86 Jahren gestorben. Ihre Tochter Ruby Bridges absolvierte die Highschool, blieb in New Orleans, arbeitete in der Reisebranche und wurde dann Vollzeitmutter. 1999 gründete sie eine Stiftung für Toleranz und gegen Rassismus. Heute heißt sie Ruby Bridges Hall, ihre ehemalige Grundschule seit 2013 Akili Academy. Die Mehrzahl der Schüler sind Afroamerikaner. Auf dem Schulhof erinnert eine Bronzestatue an die berühmteste Schülerin, die als kleines Mädchen so viel rassistischen Hass aushalten musste.

(Spiegel Online)