Vor der Zwischenwahl am 6. November sind die USA gespalten wie nie. Während die einen hoffen, dass US-Präsident Donald Trump einen Denkzettel erhält, wollen die anderen ihm Mut machen.

Susan Clarke und ihr Mann Rick führen seit fast 30 Jahren eine harmonische Ehe, denn sie halten sich an eine eherne Regel: Sie sprechen nicht über Politik. Susan steht politisch näher bei den Republikanern, Rick hält es mit den Demokraten. „Wir haben gelernt, damit umzugehen und den Hausfrieden zu bewahren“, sagt sie. Wenn ihr Mann die Spätnachrichten auf NBC mit dem linken TV-Journalisten Lester Holt einschaltet, verlässt sie das Wohnzimmer. „Dem kann ich einfach nicht zuhören.“

Seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist das Land tief gespalten. Die politischen Lager sind so stark entzweit wie nie zuvor; landesweit verläuft der Riss durch Bundesstaaten, Freundschaften, Familien. Im Fall der Clarkes zieht er sich mitten durch ihr Wohnzimmer in Wilmington, North Carolina.

Bei den Zwischenwahlen, den sogenannten Midterms, am 6. November, könnte er sich weiter vertiefen. Die Wahlen, die in der Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten stattfinden, sind ein wichtiges Stimmungsbarometer für die Arbeit des  Präsidenten. Neben sämtlichen Sitzen des Repräsentantenhauses stehen 35 der 100 Senatorensitze und 39 Gouverneursposten zur Wahl, in manchen Bundesstaaten wird auch ein neues Parlament gewählt. Der Ausgang der Midterms entscheidet, welche Partei im Kongress künftig die Mehrheit hat und die Arbeit des Präsidenten unterstützen oder blockieren kann. Beide Seiten haben hohe Erwartungen: Die Demokraten, in Wahlgrafiken traditionell mit der Farbe Blau dargestellt, hoffen auf eine blaue Welle. Die Republikaner wollen ihre Mehrheit in den Entscheidungsgremien verteidigen.

Traditionell verliert die Partei des amtierenden Präsidenten bei den Halbzeitwahlen Stimmen. Trump hat seit Amtsantritt eine Reihe von heiß diskutierten Entscheidungen getroffen: das Einreiseverbot für Muslime, die Steuerreform, die Verdammung des Atomdeals mit dem Iran und den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen. Auch der Handelskrieg mit China bringt Probleme. Die Supermarktkette Walmart warnte in einem Brandbrief an die Regierung, dass höhere Zölle den Kunden, Zulieferern und der US-Wirtschaft schaden würden. Hinzu kommt, dass die bisherige Amtszeit Donald Trumps von einer Reihe Skandalen geprägt ist. Da ist die Untersuchung zur russischen Einflussnahme auf den Präsidentschaftswahlkampf.

Sonderermittler Robert Mueller prüft noch immer, ob das Trump-Team während des Wahlkampfs mit Russland in Kontakt stand und ob der Präsident für eine Zeugenaussage vorgeladen wird. Dann der Skandal um die Affäre zwischen Donald Trump und der Pornodarstellerin Stormy Daniels. Im August bekannte sich Trumps ehemaliger Anwalt Michael Cohen schuldig, gegen Wahlkampffinanzierungsgesetze verstoßen zu haben: Er hatte Daniels unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl eine Abfindung gezahlt, um ihr Schweigen über eine Nacht mit Trump zu erkaufen.

„Ich habe nicht für ihn gestimmt, weil er so ein großartiger Typ ist, ich habe ihn eingestellt, weil ich wollte, dass er Tische umwirft.“

Und zuletzt erschütterte die Personalie Brett Kavanaugh, den Trump für eine vakante Richterstelle im Supreme Court nominierte, das Weiße Haus. Dabei sah alles nach einer normalen Ernennung aus, bis Mitte September die Bombe platzte: Die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford beschuldigte Kavanaugh, sie 1982 bei einer Highschool-Party sexuell belästigt zu haben, und warf ihm versuchte Vergewaltigung vor. Nach einer Senatsanhörung, bei der Ford unter Eid aussagte und Kavanaugh die Vorwürfe scharf zurückwies, wurde eine FBI-Untersuchung des Vorfalls angeordnet. Anfang Oktober wurde Brett Kavanaugh dennoch an den obersten Gerichtshof berufen.

Die Anhänger des Präsidenten lassen solche Skandale kalt. Möbelbauer John Miller, der seinen wahren Nachnamen nicht nennen will, hält die Anschuldigungen gegen Kavanaugh für inszeniert. „Die Demokraten haben von Anfang an gesagt, sie würden die Nominierung mit allen Mitteln anfechten.“ Dass Ford ihre Vorwürfe erst öffentlich machte, als Kavanaugh ins Rampenlicht rückte, sieht er als Beweis für seine These.

Die Art, wie Trump mit dem Skandal umgeht und dass er sich über das mutmaßliche Opfer Blasey Ford lustig machte, stößt dem Mittvierziger nicht sauer auf. „Ich habe nicht für ihn gestimmt, weil er so ein großartiger Typ ist. Ich habe ihn eingestellt, weil ich wollte, dass er die Tische umwirft.“ Ihn überzeugten Trumps Haltung zur Einwanderung und zum Steuersystem, die Idee von Zöllen und die amerikanischen Ideale, die er wieder in den Vordergrund rücke. „Mich fasziniert, dass er sich nicht um politische Korrektheit schert und einfach sagt, was er denkt — egal ob das als unhöflich wahrgenommen wird oder nicht.“

Er unterstützt Trumps „America First“-Konzept. Das mächtigste Land der Welt müsse sich nicht für seine Rolle entschuldigen. Miller glaubt an einen Sieg der Republikaner und eine erfolgreiche Zukunft. „Wir werden in das nächste Goldene Zeitalter Amerikas eintreten.“

Einer wie Kennedy. In Texas könnte zum ersten Mal seit 24 Jahren ein Demokrat zum Senator gewählt werden: Kandidat Beto O’Rourke ist dem republikanischen Amtsinhaber Ted Cruz gefährlich nahe gekommen. In einem Bundesstaat, der durch Öl reich geworden ist und 2000 Kilometer Grenze mit Mexiko teilt, hat sich der Demokrat mit starken Positionen gegen eine Mauer, für mehr Umweltschutz und für die Legalisierung von Marihuana eine große Anhängerschaft aufgebaut. Der 46-Jährige bringt einen Kennedy-Look, Charisma und Redetalent mit. O’Rourke finanziert seine Kampagne nach dem Graswurzel-Prinzip, das Spenden ab drei Dollar vorsieht. Nach einer Analyse des Center for Responsive Politics sammelte er von seinen Unterstützern 23,33 Millionen Dollar ein. Konkurrent Ted Cruz, der von Großspendern unterstützt wird, bringt es nur auf wenige Tausender mehr.

Diese Wahl wird nur eine Wiederholung der Präsidentschaftswahlen. Und die Leute werden dabei immer verrückter.

Jüngste Umfragen sehen die beiden Kopf an Kopf. Die starke Wirtschaft und niedrige Steuern haben viele liberal eingestellte Bürger nach Texas gezogen. Houston ist die viertgrößte Stadt Amerikas, das Hipsterparadies Austin und die Hauptstadt Dallas sind im Rennen für das neue Hauptquartier des Onlinehändlers Amazon. Bei der Präsidentschaftswahl wählten Houston und Dallas blau.

O’Rourke hat ganz Texas bereist und das Gespräch mit beiden Lagern gesucht. Er scheut sich nicht, zu kontroversen Themen Stellung zu nehmen. Seine Ausführung zu schwarzen Sportlern, die aus Protest gegen anhaltenden Rassismus bei der Nationalhymne niederknien, wurde im Internet zu einer der meistgeklickten Stellungnahmen eines Politikers. Als im Winter 2017 sein Flug von San Antonio nach Washington wegen eines Unwetters gestrichen wurde, mietete er mit seinem republikanischen Kollegen Will Hurd ein Auto. Sie filmten ihren 2500 Kilometer langen Roadtrip live auf dem sozialen Netzwerk Facebook, nahmen Wählerfragen entgegen und diskutierten mit Politikern am Telefon. Ihre parteiübergreifende Geste brachte beiden eine Auszeichnung ein.

Erinnerungen an den Bürgerkrieg. In Georgia ist ein Monument zum Wahlkampfthema geworden. Gleich außerhalb von Atlanta befindet sich der Granitfels Stone Mountain mit einem Relief der Südstaatenführer Jefferson Davis, Thomas Jackson und Robert E. Lee. Am Labour-Day-Wochenende zieht es Hunderte dorthin. Nach Sonnenuntergang wird eine Lasershow auf das Relief projiziert, die Kultur und Geschichte des Bundesstaates preist. Es erscheint eine Animation der drei Männer, die auf ihren Pferden ins Gefecht galoppieren.

Seit einiger Zeit gibt es Streit, wie man mit solchen Denkmälern umgehen soll, die den Bürgerkrieg und die Sklaverei  verherrlichen. Stacey Abrams, die demokratische Kandidatin für den Gouverneursposten in Georgia, forderte, das Stone-Mountain-Relief zu entfernen. Ein Aufschrei war die Folge.

Ashley Johnson ist gekommen, um die Show einem Freund zu zeigen. Wegen der Musik — der Geschichtsteil könne ihr gestohlen bleiben, sagt die Afroamerikanerin. „Früher sind wir bei dem Part zum Bürgerkrieg aufgestanden und gegangen“, sagt sie. Nun versuchen die Verantwortlichen, das Thema zu entschärfen, mit einem Video, das an die Ideale von Martin Luther King erinnert. Das Denkmal zu entfernen, findet Johnson den falschen Ansatz: „Selbst wenn man das Relief verschwinden lässt, ist das alles Teil unserer Geschichte.“ Sie glaubt, dass Abrams mit ihrer Forderung auf Stimmenfang gegangen ist. Trotzdem will sie die  Demokratin wählen. Angesichts der derzeitigen Stimmung hat Johnson ein Déjà-vu. „Diese Wahl wird nur eine Wiederholung der Präsidentschaftswahl werden. Und die Bürger werden dabei immer verrückter.“

Die Show endet mit einem Feuerwerk und der Nationalhymne. Die meisten Anwesenden stehen auf und legen die Hand aufs Herz. Johnson bleibt sitzen.

(€uro 11/18)