Rouse Familie Marty Yankton Sioux Reservat ca. 92-93

Obwohl es starke Zweifel an ihrer Schuld gibt, sitzen vier Männer vom Stamm der Yankton-Sioux im Gefängnis – seit 23 Jahren. Kinder aus der eigenen Familie hatten sie schwer belastet. Eine Tragödie mit tödlichen Folgen.

Donovan Rouse nahm sich am 12. April 2017 das Leben. 23 Jahre hatte er gegen seinen Dämon gekämpft. Er hatte versucht, ihn im Alkohol zu ertränken. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, Jahre später eine Schere in den Hals gerammt – und überlebt. An diesem grauen Sonntag betäubte er seinen Dämon für immer mit Tabletten.

Donovans Dämon hieß Schuld.

Als Neunjähriger hatte er geholfen, vier seiner Onkel hinter Gitter zu bringen. Die Yankton-Sioux Desmond und Jesse Rouse, Garfield Feather und Russell Hubbeling standen 1994 in South Dakota vor Gericht, weil sie Donovans Schwestern und Cousinen wiederholt brutal vergewaltigt haben sollen: fünf Mädchen, 20 Monate bis sieben Jahre alt.

Vor Gericht sagten die Kinder aus, die Männer hätten sie ans Bett gefesselt und sich an ihnen vergangen. Zwei Ärzte diagnostizierten vaginale und anale Verletzungen. Eine Therapeutin attestierte posttraumatischen Stress. Für die Jury war der Fall klar: Die vier Männer waren schuldig. Desmond Rouse wurde zu 32 Jahren Gefängnis verurteilt, sein Bruder Jesse zu 33 Jahren, Garfield Feather und Russel Hubbeling zu je 30 Jahren.

Alle vier beteuern bis heute ihre Unschuld. Im Oktober 1996 erklärten Donovan und seine Cousine Thrista, die Anschuldigungen gegen ihre Onkel erfunden zu haben. Alle Kinder, die aussagten, haben inzwischen widerrufen.
Es sei alles „eine große Lüge“ gewesen, sagte Donovan. Thrista sagte: „Sie hörten nicht auf, mir Fragen zu stellen, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also habe ich alles erfunden.“

Doch alle Berufungen wurden abgelehnt. Als es 2001 endlich eine Anhörung gab, erkannte das Gericht die Widerrufe der Kinder nicht an. Die Männer sitzen bis heute im Gefängnis und der Staat South Dakota zeigt sich von ihrer Schuld überzeugt.

Neuere Expertengutachten wecken jedoch starke Zweifel an dem Urteil. Mehr noch: Das Vorgehen der Ermittler, die Vernehmungen der Kinder, die mangelnden Qualifikationen der Ärzte – all das deutet auf einen Justizskandal hin, der 1994 begann und bis heute Bestand hat.

Das Texas Innocence Project, das für die Freilassung zu Unrecht Verurteilter kämpft, will den Fall nun endlich aufklären. „Die Männer hatten keinen fairen Prozess. Vor Gericht wurden falsche Informationen als Fakten präsentiert, um eine Verurteilung zu erreichen“, sagt Anwalt Mike Ware. Die Staatsanwaltschaft wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern.

Desmond Rouse sitzt, nach zahlreichen Verlegungen, inzwischen in Englewood, Colorado, seine Strafe ab – erstmals ein Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe. Er schätzt jede kleine gewonnene Freiheit. „Ich kann die Berge sehen. Ich kann sogar Vögel hören“, schreibt Rouse dem SPIEGEL in einer E-Mail. Er malt und verdient sich auf dem Schwarzmarkt im Knast als Tätowierer ein paar Dollar.
DesmondRouse

Garfield Feather hat bisher in neun verschiedenen Bundesgefängnissen gesessen und verbrachte den Großteil seiner Zeit in Einzelhaft – zu seinem eigenen Schutz. Jemand wie er, verurteilt wegen Vergewaltigung von Kindern, steht im Gefängnis auf der untersten sozialen Stufe. „Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich heute hier bin“, antwortet er ausweichend auf die Frage nach Angriffen.

Anwalt Mike Ware war der Einzige, der den Fall übernehmen wollte. Es geht um Kindesmissbrauch, es gibt keine DNA-Beweise, die sich widerlegen ließen, und die Verurteilten sind Ureinwohner, für deren Unrecht, man muss das so hart sagen, sich in der amerikanischen Öffentlichkeit kaum jemand interessieren mag. Es gab schon bessere Voraussetzungen, um jemanden aus dem Knast zu bekommen.

Beata Rouse, Grandma Rosemary Rouse ca. 2007

Im Fall Rouse wurden beim Prozess immer wieder Vorurteile gegen amerikanische Ureinwohner bedient. Die Staatsanwältin stellte sie als verrohte Trinker dar. Die Marschalls bezeichneten die Männer gegenüber Passanten noch vor ihrer Verurteilung als „Typen, die wegen Vergewaltigung ins Gefängnis wandern“. Die ausnahmslos weißen Geschworenen sollen während ihrer Beratung rassistische Witze gemacht haben – entsprechende Vorwürfe wurden später eilig abgestritten. „Das war wie die Südstaaten gegen die Schwarzen“, sagt Psychologin Hollida Wakefield, die den Prozess 1994 beobachtete.

Alles begann mit der Beschwerde eines kleinen Mädchens: Als die fünfjährige Rosemary Rouse klagte, ihre Großmutter sei gemein und gebe ihr kein Essen, nahm der Sozialdienst sie am 8. November 1993 in staatliche Obhut, sofort und ohne Konsultation der Oma. Der Vorwurf: Vernachlässigung.

Diese Begründung liest man häufig, wenn Kinder in South Dakota aus indigenen Familien genommen werden. Natürlich gibt es Fälle von echter Vernachlässigung, aber ebenso wahr ist, dass den Sozialarbeitern damals oft die Ausbildung und das Verständnis fehlten, um die besonderen Familienstrukturen der Stämme fair bewerten zu können. Die zuständige Sozialarbeiterin im Fall Rouse hatte zuvor im Casino gejobbt.

Um indigene Familien zu schützen, wurde 1978 der Indian Child Welfare Act (ICWA) verabschiedet. Er besagt unter anderem, dass indigene Kinder zuallererst bei Familien- oder Stammesangehörigen untergebracht werden sollen, gegebenenfalls auch bei anderen Stämmen – und nur wenn all das nicht möglich ist, bei einer weißen Pflegefamilie.

South Dakota pflegt seit Jahren einen fragwürdigen Umgang mit dem ICWA. Indigene Kinder wurden etwa pauschal als besonders bedürftig erklärt – und für besonders bedürftige Kinder zahlt Washington dem Bundesstaat und den Pflegefamilien einen deutlich höheren Zuschuss. „Das Ausmaß des Missbrauchs des ICWA ist außergewöhnlich in South Dakota“, sagt Patricia Shiery. Als Abgeordnete versuchte sie 2011 vergeblich, die „Special Needs“-Passage im ICWA genauer zu definieren, um den finanziellen Anreiz zuungunsten der Ureinwohner zu beseitigen. Spielten diese bemerkenswerten Verhältnisse auch bei den Ermittlungen gegen den Rouse-Clan eine Rolle?

Zwei Monate nach Rosemarys Abholung alarmierte Pflegemutter Donna Jordan die Behörden: Das Mädchen sei zu Hause sexuell missbraucht worden. Tags darauf, am 11. Januar 1994, fuhren Sozialarbeiter, Beamte der Stammespolizei BIA und FBI-Agenten zum Yankton-Sioux-Reservat und nahmen der Rouse-Familie elf weitere Kinder weg: Donovan und seine Geschwister sowie Cousins und Cousinen.

Erst vier Tage später wurden Rosemary, Lucritia, Jessica, Fury, Thrista und Echo Rouse in Anwesenheit ihrer Pflegemutter von Kinderarzt Dr. Richard Kaplan untersucht. Beinahe jedes der Mädchen beschuldigte einen der Onkel, ihr wehgetan zu haben. Kaplan fand kleine Blutergüsse und Rötungen, konnte aber keine klare Diagnose für sexuellen Missbrauch stellen und überwies die Mädchen an einen Kollegen.

Desmond March 19th 1995 (2)

Frauenarzt Dr. Robert Ferrell führte am 11. Februar 1994 Kolposkopien durch, bei der Vulva und Gebärmutterhals mit einer Vergrößerungsoptik betrachtet werden – Fotos von seinen Befunden fertigte er nicht an. Vor Gericht musste er die Genitalien der Kinder von Hand zeichnen, um seine Befunde zu erklären.

Dr. Ferrell fand Dellen, Furchen und Linien an den Jungfernhäutchen der Mädchen, die er als Spuren von verheilten Verletzungen interpretierte. Er beschrieb ein „abnormal aussehendes Jungfernhäutchen“ und verheilte kleine Risse sowie verdickte Falten am Rektum.

Im Prozess räumte Ferrell ein, dass keiner seiner Befunde für sich allein genommen ein Zeichen für sexuellen Missbrauch sei. Den Antrag der Verteidigung, die Kinder vom einem Spezialisten untersuchen zu lassen, lehnte der Richter ab.

Die auf Kindesmissbrauch spezialisierte Ärztin Joyce Adams schrieb 2014 ein Gutachten über Dr. Ferrells Diagnose: Die von ihm beschriebenen Befunde seien Variationen normaler anatomischer Strukturen. Adams hat mehr als 3500 Kinder untersucht und mehr als 400 Mal vor Gericht ausgesagt. „Wenn die Jury den medizinischen Befunden von Dr. Ferrell bei ihren Beratungen irgendein Gewicht beigemessen hat, müssen diese Fälle neu betrachtet werden“, schreibt sie.

Was bleibt, sind die Anschuldigungen der Kinder. Neue Gutachten legen nahe, dass die Aussagen unter psychologischem Druck zustande kamen. Mindestens dreimal wurden die Kinder von Ermittlern und im Büro der Staatsanwältin befragt. Zweimal wöchentlich sahen sie eine Therapeutin. Zählt man die Sitzungen hinzu, sprachen sie vom Beginn der Ermittlungen im Januar 1994 bis zum Prozess im Juli mehr als 25 Mal über den angeblichen Missbrauch. Von ihrer Familie waren sie in dieser Zeit völlig isoliert.

Donovan und Lucritia gaben den Tenor der Befragungen über die Jahre mehrfach so wieder: „Sag uns die Wahrheit. Wenn du die Wahrheit sagst, kannst du zurück nach Hause.“ Die Ermittler hätten ihnen explizite anatomische Bilder gezeigt, die Therapeutin habe ihnen Puppen gegeben, mit denen sie das Erlebte nachspielen sollten. Mit jeder Sitzung uferten die Anschuldigungen aus: Ihre Onkel hätten auch die Mütter vergewaltigt und die Oma verprügelt, ihr den Arm gebrochen. Selbst die Oma habe die Kinder betascht.

„Laien denken, Erinnerung funktioniert wie ein Videorekorder: Man spult einfach zurück und spielt das Erlebte wieder ab. Das ist schlichtweg falsch“, sagt Psychologin Hollida Wakefield. Tatsächlich werde Erlebtes jedes Mal, wenn man sich erinnert, neu konstruiert. „Es ist ein Prozess, der ständig in Bewegung ist und von zahlreichen Dingen wie unseren Gedanken und Reaktionen unseres Umfelds beeinflusst wird“, erklärt sie. Wiederholte Befragung erzeuge Druck und beeinträchtige die Erinnerung. Das gilt umso mehr bei Kindern, die ohne eine Vertrauensperson befragt werden.

Kinderpsychologin Dr. Maggie Bruck lehrt an der John Hopkins Universität und hat zahlreiche Studien zur Beeinflussbarkeit von Kindern und ihrer Glaubwürdigkeit als Zeugen durchgeführt. Die Umstände der Befragungen im Fall Rouse bezeichnet sie als „stark beeinflussende Umgebung, von der wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie bei jungen Kindern zu falschen Anschuldigungen führt“.

Aus den Therapieberichten geht hervor, dass die Kinder Gruppensitzungen hatten und dabei auffällig oft die gleichen Vorwürfe erhoben. Experten sprechen von Cross Germination: Wenn Zeugen gegenseitig von ihren Aussagen erfahren, können Erinnerungen verfälscht werden. Die Therapeutin behauptete 1994 vor Gericht, sie kenne den Term nur aus dem Blumenreich.

Die Staatsanwältin stellte den Kindern im Prozess Fragen, die nur mit Ja oder Nein zu beantworten waren. Die Verteidigung durfte die Kinder nicht zu Widersprüchen in ihren Anschuldigungen befragen. Donovan brach im Zeugenstand in Tränen aus und fiel in eine Schockstarre: „Ich habe mich so geschämt, vor meinen Onkeln zu lügen“, erinnerte er sich.

Garfield Feather 2015

Anwalt Ware will eine Neuverhandlung des Falles und letztlich den Freispruch erreichen. Ende April besuchte er Desmond Rouse zum ersten Mal im Gefängnis in Colorado.

Nach 23 Jahren Haft haben die Männer neue Hoffnung. Obwohl die Verurteilung an ihnen nagt, hegen sie keinen Groll gegen die Kinder. „Es tut mir im Herzen weh, was ihnen von den beteiligten Behörden angetan wurde“, sagt Garfield Feather. Das Leben aller Beteiligter sei zerstört worden.

Donovans Suizid hat die Häftlinge sehr erschüttert. Sein Tod hinterlasse einen weiteren leeren Platz in seinem Herzen, sagt Desmond Rouse.

Nach dem Besuch seines Anwalts schreibt er aus dem Gefängnis, er sei positiv gestimmt, dass nun endlich „etwas für uns passiert“. Seine Erfahrungen mit der US-Justiz lassen ihn jedoch schaudern. „Ich habe damals an Wahrheit und Gerechtigkeit geglaubt“, schreibt er, „aber nach allem was wir durchgemacht haben, glaube ich nicht mehr daran. Wahrheit und Gerechtigkeit gibt es in Amerika nur für einige, aber nicht für alle.“