Tagesgeld, Gold, Immobilien – die Deutschen fliehen in solide Anlagen wie zuletzt in den 70ern. Machen sie in ihrer Panik mal wieder alles falsch? Oder ausnahmsweise etwas richtig? von Jasmin Lörchner, Jörn Petring, Christian Kirchner und Bernd Mikosch

Klettern im Vorstieg

Die Frage ist kaum gestellt, da platzt es aus der älteren Dame schon heraus: „Mit Aktien fange ich nicht noch mal an!“ Seit zehn Jahren kennt der Aktienfonds, in den sie investiert hat, vor allem eine Richtung: abwärts. „Erst kam der 11. September, dann die Wirtschaftskrise, und jetzt haut’s den DAX runter“, empört sie sich. 25 000 Euro hatte sie investiert, davon sind noch 18 000 übrig. Ihre Stimme wird lauter, wenn sie sich darüber ärgert, dass sie nicht schon früher ausgestiegen ist. Jetzt sitzt sie im Bad Homburger Beratungscenter der Taunus Sparkasse und schließt einen neuen Sparbrief ab – mit einjähriger Laufzeit. „Wenn die Zinsen so niedrig sind, lege ich mich nicht auf fünf Jahre fest“, sagt sie.

Peter Krissel kennt das schon. Der 47-Jährige, grau melierte Haare, randlose Brille, heiteres Wesen, leitet das Beratungscenter in Bad Homburg. „Die Kunden sind konservativ in ihren Entscheidungen“, sagt Krissel. Aktienorientierte Anlagen, die voll ins Risiko gehen, würden einfach nicht mehr nachgefragt. Die Kunden schätzen traditionelle und transparente Lösungen. Was sie wollen, ist Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit.“ Sprich: Der einjährige Sparbrief ist ein Verkaufsschlager. Wann ein Kunde die letzte Aktie oder einen Aktienfonds gekauft hat? „Muss lange her sein“, sagt Krissel.

Bad Homburg ist eine aufgeräumte 52 000-Seelen-Gemeinde; beschauliche Einkaufsstraßen, vor jedem bepflanzten Blumenkasten eine Bank und ein Papierkorb. Wenn man den typisch deutschen Anleger irgendwo findet, dann hier.

Und Bad Homburg ist derzeit irgendwie überall. Das ganze Land ist in einem regelrechten Sicherheitsrausch. Gefragt sind bombensichere Geldanlagen,
Immobilien, Gold.

Das auf Girokonten, Sparbüchern und sonstigen jederzeit verfügbaren Sparformen angelegte Geld summiert sich derzeit laut Daten der Bundesbank auf 1610 Mrd. Euro, sieben Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Im Schnitt kauft derzeit ein Deutscher alle drei Minuten ein Kilo Gold, doppelt so viel wie vor einem Jahr. Ein Drittel will laut einer Forsa-Umfrage sein Geld in Edelmetalle stecken.

Das Vermögen in niedrig verzinsten Sichteinlagen bei Banken wächst um 3000 Euro pro Sekunde. Alle drei Minuten wird in Deutschland die Genehmigung für einen Hausbau erteilt. Pro Sekunde werden am deutschen Immobilienmarkt 4600 Euro umgesetzt. Nüchterne Strategen rümpfen darüber die Nase. Denn mehr als gut zwei Prozent Zinsen sind mit sicheren Geldanlagen derzeit kaum drin – und die Inflation nagt mit 2,4 Prozent am Wert des Sparguthabens.

Und überhaupt: Machen die deutschen Privatanleger nicht sowieso immer das Falsche?

Das ist das Klischee des deutschen Sparers: Er kauft am liebsten Bundesschatzbriefe, hat stets panische Angst, sein Geld zu verlieren, verzichtet auf Rendite – und an den Aktienmarkt traut er sich überhaupt erst, wenn der DAX über 8000 und der Crash kurz bevorsteht. Dann verbrennt er das Geld mit Telekom- und Neuer-Markt-Schrottaktien oder lässt sich gleich Lehman-Zertifikate andrehen.

Lehman Brothers

Dieses Bild des deutschen Privatanlegers, der stets zu spät kommt und das Falsche tut, hält sich hartnäckig. Doch das Vorurteil bekommt Risse. Ist die Flucht in Sicherheiten vielleicht die einzig kluge Strategie in diesen hochvolatilen Zeiten?

Eines jedenfalls ist klar: Es kommt nicht mehr, wie früher, allein auf die Rendite an – auf markowitzoptimierte Depots, die ein paar Prozentpunkte mehr rausholen sollen. „In Zukunft steht der Kapitalerhalt im Vordergrund – und nicht mehr die Rendite“, sagt Friedrich Huber von der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen.

Die Spielregeln haben sich in der Post-Lehman-Ära geändert. „Es gibt einen Paradigmenwechsel an den Kapitalmärkten, viele alte Anlageregeln gelten nicht mehr“, sagt Huber. „Die Investoren müssen sich völlig neu orientieren.“

Auch Herwig Weise von der Hamburger Vermögensverwaltung Mack & Weise setzt dieses Prinzip für seine Kunden bereits um. „Für uns gilt: Zuerst kommt der Kapitalerhalt, danach kommt die Rendite.“ 2008 hatten Weise und sein Partner Martin Mack Schlagzeilen gemacht, weil ihr Fonds M&W Capital im Katastrophenjahr knapp vier Prozent im Plus lag. Schon damals hatte Mack die Marschroute verkündet, an die sich beide bis heute halten: „Die Lage ist so riskant, dass es in den kommenden Jahren nur darauf ankommt, einigermaßen heil mit seinem Vermögen durchzukommen.“

Am Klischee des stupiden deutschen Anlegers nagt auch die gestern vom Deutschen Aktieninstitut vorlegte Studie, die das Anlegerverhalten in den Krisen seit 2005 untersucht hat: Demnach fingen schon seit Jahresbeginn 2006 Anleger laut Zahlen der Bundesbank an, sich stetig und in immer größerem Ausmaß von Aktien zu trennen – obwohl der DAX erst im Sommer 2007 sein Rekordhoch markierte. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Verkäufe mit in der Summe 12 Mrd. Euro im vierten Quartal 2007 – kurz bevor der DAX im Januar 2008 noch einmal über die Marke von 8000 Punkten lugte. Im vierten Quartal 2008 warfen sie in den Wirren der Lehman-Pleite dann Papiere für 33 Mrd. Euro aus den Depots – aber auch das noch rechtzeitig vor den Tiefstkursen im März 2009, wo noch weit größere Verluste zu verkraften gewesen wären. Fazit: Die Anleger haben sich klüger verhalten, als viele meinen. Ein kleiner Ritterschlag.

Zurückgekommen sind die Deutschen seitdem nicht. Warum auch? „Wenn man die derzeitige Situation realistisch zur Kenntnis nimmt, muss man davon ausgehen, dass uns das Thema Staatsverschuldung nicht nur noch ein Jahr , sondern 15 Jahre begleiten wird“, sagt Hans-Dieter Homberg, Vorstandsvorsitzender der Taunus Sparkasse.

Für viele Forscher kommt die Flucht in Sicherheit nicht überraschend. „Spätestens seit der Finanzkrise sind die Menschen in einer Art Glaubenskrise“, sagt Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut, das jährlich 7000 Menschen in Tiefeninterviews analysiert. „Sie glauben nicht mehr an die Maximierungskultur der Nachkriegszeit, in der es immer neue Wachstumsschübe gab. Sie wissen nur nicht, wodurch dieses System abgelöst wird.“

Laut Vermögensverwalter Weise interpretieren viele Anleger auch die berühmte Merkel-Garantie aus dem Oktober 2008 einfach andersherum – und womöglich intuitiv richtig. „Seitdem Frau Merkel sich geäußert hat, dass unsere Spareinlagen sicher sind, haben viele den Eindruck, dass sie besonders
aufpassen müssen“, sagt der Hamburger.

Im Bad Homburger Kundencenter der Sparkasse führt ein Ehepaar das par excellence vor. Normalerweise setzen die Kundenbetreuer für ihre Kunden einstündige Gespräche an. Das Paar und die Beraterin sind sich schon nach kurzer Zeit einig: Der Sparbrief soll es sein. Vor knapp zwei Jahren verspekulierte
sich das Paar mit Rentenfonds bei der Allianz, das hat sie vorsichtig werden lassen.

Schon die Finanzkrise hatte ihnen Angst gemacht. „Wir mussten uns alles selbst erarbeiten, dann geht man bei der Geldanlage auf Nummer sicher“, sagt die 67-Jährige. Die beiden räumten ihre Konten bei der Dresdner Bank, ihrer Hausbank, und wechselten zur Sparkasse – weil sie ihre Einlagen dort durch den Haftungsverbund zusätzlich gesichert sehen.

Dass die Menschen sichere Anlagen suchen, überrascht Rheingold-Forscher Grünewald kaum. „Es existiert das Gefühl einer kafkaesken Krisenpermanenz, der endlosen Krisen“, sagt er. „Früher gab es eine Krise, die wurde durchgestanden, und dann war sie abgehakt. Jetzt hat man das Gefühl: Die Krisen verschwinden zwar kurz, tauchen dann aber wieder auf.“ Die Leute hätten das Gefühl, dass momentan schon genug Risiken vorhanden sind. „Wenn man sich von Risiken umstellt fühlt, sucht man sie nicht auch noch zusätzlich“, so Grünewald.

Einer, der von dem Bedürfnis nach Sicherheit profitiert, ist Kai Enders. Er sitzt seit einem Jahr im Vorstand des Immobilienmaklers Engel & Völkers. Es sind gute Zeiten, um ein Unternehmen zu führen, das sich auf die Vermittlung von hochpreisigen Häusern und Wohnungen spezialisiert hat.

Mit der Vermittlung von Wohnimmobilien machten die Büros von Engel & Völkers in Deutschland im vergangenen Jahr einen Umsatz von 77,5 Mio. Euro. Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr – ein Rekord. Dieses Jahr soll noch besser werden: „Der Verkauf von Immobilien ist derzeit kein Problem. Die Akquisition ist die Herausforderung“, sagt Enders. Es gibt viele Interessenten, aber kaum noch Wohnungen. Zumindest nicht in den Lagen, die als attraktiv angesehen werden.

„Was wir derzeit am Markt sehen, wird maßgeblich getrieben durch Vermögende, die eine Kapitalanlage suchen“, sagt Tobias Just, Immobilienanalyst bei der Deutschen Bank. In Hamburg etwa werde mittlerweile als Kaufpreis für Wohnungen in den besten Lagen das 30-Fache einer Jahresmiete hingeblättert. Vor einem Jahr galt das 20-Fache noch als guter Preis. Kann sich das überhaupt noch rentieren? „Man kann solche Kaufentscheidungen durchaus nachvollziehen“, sagt Just. „Zumindest unter dem Gesichtspunkt, dass ich keine Ausfallwahrscheinlichkeit haben will.“

Und so lautet derzeit wohl die einzige vernünftige Regel, dass es keine Regeln mehr gibt. „Wir sind in einer Situation, in der Sie kein Lehrbuch aufschlagen können“, sagt der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach, der mit 60 Mitarbeitern rund 4,5 Mrd. Euro betreut. „Wir bewegen uns auf völlig unbekanntem Gebiet.“

erschienen in der Financial Times Deutschland, 18. August 2011