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(Foto: Flickr)

Statt auf Haft- oder Besserungsanstalten setzten Pädagogen vor gut 100 Jahren auf Kinderrepubliken. Ein radikales Experiment: Jetzt oder nie, Autonomie – schwer erziehbare Jugendliche lebten und arbeiteten nach ihren eigenen Gesetzen.

Im Sommer 1963 begleitete der US-Fotograf John Dominis den Schauspieler Steve McQueen durch Kalifornien und schoss im Auftrag des US-Magazins »Life« Fotos, die heute ikonisch sind: McQueen auf dem Sofa seines Bungalows in Palm Springs, den Revolver auf ein unsichtbares Ziel gerichtet. McQueen rauchend auf der Ladefläche eines Pick-ups, McQueen obenrum frei beim Hanteltraining.

Dominis machte im selben Sommer auch weniger bekannte Aufnahmen: Sie zeigen McQueen beim Besuch der »Boys Republic« in Chino Hills, einer kalifornischen Institution für schwer erziehbare Jugendliche. Denn der rauchende, rennfahrende und revolverschwingende Steve McQueen, der in den Sechzigerjahren zum »King of Cool« aufstieg, war Mitte der Vierzigerjahre selbst ein rebellischer Teenager – bis seine ratlose Mutter ihn zur »Boys Republic« schickte.

Dort lebten Jugendliche gruppenweise zusammen, bewirtschafteten eine Farm und verwalteten sich selbst. »Das organisatorische Vorbild solcher Heime ist nicht die kasernenartige Anstalt oder die in der Praxis oft autoritäre Familie, sondern die demokratische Republik, der Staat und die sich selbst regierende Stadt«, schrieb der Erziehungswissenschaftler Johannes-Martin Kamp 2006 in seiner Dissertation über Kinderrepubliken.

Die Idee, dass Kinder sich selbst regieren, war eine Abkehr von damals üblichen Besserungsanstalten oder Jugendgefängnissen. Reformpädagogen hofften, dass Jugendliche durch ein Zusammenleben in Eigenverantwortung Schritt für Schritt zu pflichtbewussten Erwachsenen mit einem gesunden moralischen Kompass reifen.

Jugendklub statt Jugendbande

Die erste Kinderrepublik entstand ab 1893 unter dem Einfluss von William Reuben George, selbst auf einer Farm aufgewachsen und kein gelernter Pädagoge. In New York hielt er sich mit einer Werkstatt über Wasser und engagierte sich in der kirchlichen Jugendarbeit. George beobachtete die Zustände in der jungen Metropole: Durch den Zustrom von Einwanderern wuchs New York zum Ende des 19. Jahrhunderts rasant. Dicht gedrängt lebten die Städter zusammen, ohne Grünflächen oder Spielplätze für Kinder. Jugendliche gründeten Banden und stahlen, um Hunger, Armut und Langeweile zu vertreiben.

George nahm sich einiger Bandenkinder an, richtete ein Dachbodenquartier ein und versucht ihre kriminelle Energie in legale Bahnen zu lenken – Jugendklub statt Jugendbande. Kirchen und Sozialarbeiter organisierten Sommerferien, damit Jugendliche mit Bauernkindern in der Landwirtschaft arbeiteten. Durch Fördermittel konnte George ab 1890 Sommerlager in Freeville (Bundesstaat New York) veranstalten. Die Jugendlichen lebten in Zelten, Farmer der Umgebung halfen bei der Verpflegung.

Bald stellte George fest, dass die Jugendlichen Kleiderspenden als selbstverständlich annahmen. Er entschied, sie dafür arbeiten zu lassen: Das Konzept »Nothing without labor« war geboren (nichts ohne Arbeit). 1894 mussten die Jugendlichen eine Lagerstraße einrichten, um sich ihre Kleidung zu verdienen. Sie waren stolz auf ihre Leistung und wertschätzten ihre Kleidung, das Kalkül ging auf.

Dann aber begannen sie, einander zu beklauen. Als die Bestohlenen George nach Hilfe fragten, ließ er eine Jugend-Jury abstimmen, ob ihre Kameraden schuldig waren. Die Verurteilten mussten für den Bau der Lagerstraße Steine brechen. Aus der selbst gezimmerten Justiz entstand das System der Selbstregierung: Am 10. Juli 1895 wurde die »George Junior Republic« gegründet. 144 Jugendliche und Helfer lebten auf einer 20-Hektar-Farm in Freeville mit Wohnhaus, Scheune und zwei Schuppen.

Kuhmist, Kungelei, Konkurs

Als Vorbild diente das politische System der USA: Die jungen Bürger wählten regelmäßig ein Repräsentantenhaus und einen Senat. George selbst präsidierte im ersten Jahr, später bestimmten die Jugendlichen einen Präsidenten aus ihren Reihen. Mit der eigenen Währung – erst Pappmarken, später Aluminiummünzen – wurden Unterkunft und Verpflegung bezahlt. Geld bekam, wer die Farm bewirtschaftete oder in einer der Werkstätten arbeitete.

Wer stahl, ausriss oder andere Regeln brach, musste sich in Gerichtssälen verantworten; Gefangene trugen gestreifte Kleidung. »Die Idee ist, dem Jugendlichen durch persönliche Erfahrung zu vermitteln, was für eine Plage der Straftäter ist, und ihm die Idee einzuschärfen, dass man ohne ehrliche Arbeit nichts erreicht«, schrieb der Arzt Thomas Travis 1908 in einer Studie über den Umgang mit jugendlichen Straftätern.

Längst nicht alles lief glatt. Die ersten Bewohner kämpften im Winter 1895 mit klirrender Kälte. In der zum Schlafsaal umfunktionierten Scheune nächtigten sie zwischen Düngeresten, Kuhmist und Matsch. Weil George auch sämtliche Wirtschaftszweige in Jugendhände gelegt hatte, kam es schon 1896 zu Kungelei: Die Republikregierung vergab Aufträge an Regierungsmitglieder und trieb andere Unternehmer in den Konkurs. Sommergäste verbündeten sich gegen Dauerbewohner, eine Wahl endete in einer Massenschlägerei.

Eine staatliche Untersuchung kritisierte 1897 mangelnde Hygiene und Ernährung in der Republik. Den Prüfern war das System der Selbstregierung suspekt. Sie bemängelten ungenügende Schul- und Berufsausbildung, werteten den gemeinsamen Unterricht von Mädchen und Jungen als unmoralisch.

Die Idee machte weltweit Schule

Nur durch ein einflussreiches Vorstandsmitglied im Trägerverein seiner Kinderrepublik entging George der Schließung. Der Landmaschinenfabrikant Thomas Mott Osborne reorganisierte die Einrichtung und schränkte die Selbstverwaltung ein, indem er Lehrer und Werkstattleiter einstellte. Statt in der Scheune lebten die Jugendlichen fortan in Häuschen mit familiärem Umfeld unter Aufsicht einer Hausmutter.

Aus dem ganzen Land nahm die Republik Jugendliche auf, für deren Aufenthalt die Eltern oder der Staat zahlten. Um den Vorwurf der Kinderarbeit zu vermeiden, wurden ab 1902 nur noch Jugendliche ab 16 Jahren angenommen.

Sieben Jahre später war die »George Junior Republic« eine Mustereinrichtung: Neben dem Unterricht betrieben die Jugendlichen eine Farm mit Kartoffel-, Getreide und Gemüsefeldern, eine Schweine-, Rinder- und Geflügelzucht. Dazu führten sie eine Schreinerei, Druckerei und Dampfwäscherei, eine Bank, einen Laden und ein Restaurant. Die Republik verfügte über ein schriftliches Strafgesetzbuch und hatte statt Repräsentantenhaus und Senat nun eine Bürgervollversammlung.

Osbornes Reform machte die Kinderrepublik in den USA weithin bekannt. William George ging 1907 zwei Monate lang auf Vortragsreise, bald wurde unter seiner Führung eine landesweite Organisationsbehörde gegründet. Bis 1913 entstanden zahlreiche weitere Kinderrepubliken, darunter die »Ford Republic in Detroit« und die »Boys Republic« in Chino Hills.

Weltweit ging es 1913 mit »Little Commonwealth« in Großbritannien weiter; der Reformpädagoge Alexander Sutherland Neill, Pionier der antiautoritären Erziehung, eröffnete 1921 eine Internationale Schule in der Dresdner Gartenstadt Hellerau sowie die Demokratische Schule »Summerhill« in England, weltbekannt und lange umstritten. Der russische Pädagoge Anton Semjonowitsch Makarenko richtete in Russland und der Ukraine Kinderrepubliken ein.

Einige Republiken bestehen bis heute

Der »George Junior Republic« indes setzten Geld- und andere Sorgen zu. Sie positionierte sich als Reformanstalt und musste hartgesottene kriminelle Jugendliche betreuen. Bald kämpfte die Regierung mit Korruption. Osborne und George entzweiten sich über Fragen der Finanzierung und der Organisation, Osborne verließ den Vorstand. Nach einer weiteren staatlichen Untersuchung wurden der Republik die Gelder entzogen und die Jugendlichen in andere Institutionen geschickt. 1914 musste William George die Einrichtung mit 18.000 Dollar Schulden schließen.

Noch im selben Jahr gelang es ihm, Bürgschaften aufzutreiben und die Republik wiederzubeleben. Doch neue Konzepte in der Sozialarbeit und Psychologie forderten individuellere Betreuung, George wandte sich dagegen. Er starb 1936 und wurde auf dem Gelände der Republik beigesetzt.

Die »George Junior Republic« besteht bis heute als private Einrichtung für Jugendliche mit Autoritäts- und Suchtproblemen oder Traumata. Auch die »Boys Republic«, die Schauspieler Steve McQueen einst besuchte, betreut weiter Jugendliche – mit dem alten Slogan »Nothing Wihout Labor«.

McQueen vergaß seine Zeit dort nie. Er schickte regelmäßig Kleider- oder Geldspenden und hinterließ der Einrichtung bei seinem Tod 200.000 Dollar. Die Republik ehrt ihren berühmtesten Bürger seit 2008 jährlich mit der Steve McQueen Car Show.

(einestages, Spiegel Online)