Ellevest-Gründerin Sallie Krawcheck auf der Techcrunch Disrupt 2016 (via Flickr)

Frauen werden von der Finanzbranche weitgehend ignoriert. Bankprofi Sallie Krawcheck hatte genug von der Männerdomäne Wall Street und gründete Ellevest: Finanzplanung und Investments explizit für Frauen.

Im Frühsommer 2020, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, traf Susan Hutton DeAngelus eine Erkenntnis: „Mir wurde plötzlich bewusst, wie viel näher ich an der Rente bin. Ich hatte in den vorherigen Jahren nicht so viel vorsorgen können wie ich das gern wollte.“ Die selbständige Grafikdesignerin überwies bis dahin jeden Monat automatisch einen Teil ihres Gehalts als Notfallgroschen auf ein Sparkonto und zahlte regelmäßig in einen Sparplan ein, um ihrer Tochter den Universitätsbesuch zu finanzieren. Sie hatte ein Renteninvestment aus einem früheren Angestelltenverhältnis, aber sie wollte etwas, das auf ihre aktuelle Situation zugeschnitten war: „Es war Zeit, einen Plan zu machen und ihn in die Tat umzusetzen“, sagt DeAngelus.

Wenig später eröffnete sie ein Investmentportfolio bei Ellevest. Das 2014 gegründete Fintech-Unternehmen ist ein Robo-Advisor, der auf Basis von Algorithmen Investmentempfehlungen gibt und ausführt. Ellevest bietet auf seiner digitalen Plattform und App Altersvorsorge und Sparziele explizit für Frauen. 1 Mrd. Dollar verwaltet der Dienst seit Frühjahr 2021. Der Service hat 120.000 Mitglieder, 90 Prozent davon identifizieren sich als weiblich. Noch 2019 verwaltete Ellevest nur 280 Millionen Dollar: Die MeToo-Bewegung und Empörung über den Sexismus des damaligen US-Präsidenten Donald Trump sensibilisierten viele Frauen für Feminismus, auch bei ihren Finanzen. „Was Ellevest interessant macht – und damit vielleicht zu einem Unternehmen, das eine signifikante Veränderung signalisiert – ist, dass es Gemeinsamkeit gefunden hat, die ein breites Spektrum an Frauen anspricht: Ermächtigung und einen Hauch Wut.“

Ellevest ist in den USA der derzeit erfolgreichste Finanzdienst, der sich explizit an Frauen wendet – und eine bedeutende Lücke in der Finanzindustrie füllt. Eine Studie zur „Female Economy“ der Boston Consulting Group ergab schon 2009 bei einer weltweiten Befragung von Frauen, dass sie sich von der Finanzindustrie entweder ignoriert oder nicht angesprochen fühlten. In vielen Ehen und Partnerschaften sind Finanzen bis heute Männersache. Laut einer aktuellen Untersuchung der Non-Profit-Organisation Transamerica Center for Retirement sparen in den USA 71 Prozent der Frauen für ihre Rente, verglichen mit 81 Prozent der Männer. Die Summe, die sie sparen, unterscheidet sich jedoch drastisch: Der Mittelwert der Ersparnisse liegt bei Frauen bei 28.000 Dollar, bei Männern sind es dagegen 69.000 Dollar. Der Anteil der Frauen, die gar keine Ersparnisse für die Rente haben, ist mit 13 Prozent beinahe doppelt so hoch wie die 7 Prozent der Männer, die nicht vorgesorgt haben.

Die Renten- und Versorgungslücke ist eine Folge der Gender Pay Gap: Noch immer werden Frauen schlechter bezahlt, können also weniger in Altersvorsorgeprogramme einzahlen und weniger Ersparnisse anlegen. Hinzu kommt, dass Frauen im Schnitt sechs bis acht Jahre länger leben als Männer und häufiger Karrierepausen einlegen oder Teilzeit arbeiten, weil sie die Kinderversorgung übernehmen oder Verwandte pflegen.

Die Finanzbranche hat die unterschiedlichen Voraussetzungen für Männer und Frauen bisher ignoriert. „99 Prozent des investierten Dollarvermögens wird in Unternehmen verwaltet, die weißen Männern gehören und 98 Prozent des Dollarvermögens in Mutual Funds wird von Männern verwaltet. 90 Prozent der Aktienhändler sind Männer und 86 Prozent der Finanzberater sind Männer. Vielleicht ist der Grund, dass Frauen nicht so viel wie Männer investieren der, dass die Industrie ein Geschäft für sich selbst entwickelt hat“, sagte Ellevest-CEO Sallie Krawcheck dem Finanznachrichtenportal Yahoo.

(Die ganze Geschichte in Courage 05/21)