Mit einer gewitzten Analyse des Börsengeschehens und harter Kritik an der eigenen Zunft hat sich der Vermögensverwalter Georg von Wallwitz in der Branche einen Namen gemacht. Fonds managen kann er auch.

Es ist voll an diesem Januarabend im Roten Salon der Berliner Volksbühne. Dabei werden weder Stücke von Molière noch von Heinrich von Kleist gegeben. Der Fondsmanager Georg von Wallwitz hat zur Lesung seines Buches „Odysseus und die Wiesel“ geladen. Das Publikum, viele im dunklen Anzug, will sehen, was das für einer ist, der die Finanzbranche in seinem Buch gnadenlos bloßstellt und doch selbst Teil der Branche ist.

Fondsmanager Georg von Wallwitz

Fondsmanager Georg von Wallwitz, copyright: Robert Brembeck

„Die einen schreiben nach 30 Jahren ein großes Abrechnungsbuch – und müssen sich dann die Frage gefallen lassen, warum sie der Branche so lange treu geblieben sind. Die anderen schreiben ein Ratgeberbuch, in dem sie Regeln für erfolgreiche Anlagestrategien aufstellen. Mir hat beides nicht zugesagt“, so von Wallwitz. Deshalb wurde es „Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“, wie die Unterzeile des Buches ankündigt. In dieser fröhlichen Einführung teilt von Wallwitz kräftig aus: „Weder Broker noch Fondsmanager lesen in nennenswertem Umfang, auch keine Analysen. Es zu tun, hieße, einen intellektuellen Aufwand zu treiben, den das Ergebnis nicht rechtfertigt. Broker haben in der Regel auch weder die Ausbildung noch die Erfahrung, um ernsthafte Gespräche über Unternehmen zu führen“, heißt es etwa im Buch. Die Feuilletonisten fühlen sich gut unterhalten: Sein Buch, so die „Frankfurter Allgemeine“, führe „humorvoll und leicht verständlich in die modernen Finanzmärkte“ ein. Auch die „Berliner Zeitung“ lobt den praktizierenden Fondsmanager dafür, dass er Geldangelegenheiten „mit einfachen Worten“ erklärt. Doch sind es nicht nur die Medien, die ihn loben: Eine erfolgreiche Lesereise, die Einladung zur Frankfurter Buchmesse und mehr als 15 000 verkaufte Exemplare in den ersten fünf Monaten zeigen, dass von Wallwitz den Nerv vieler getroffen hat.

Sein Erfolgsgeheimnis: Von Wallwitz nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Auf den ersten Blick wirkt der knapp zwei Meter große Mann mit dem grau melierten Haar und der silbern umrandeten Brille zwar ernst und konservativ. Doch der Eindruck täuscht. Der Finanzfachmann ist witzig – und sieht viele Dinge recht gelassen. So trägt von Wallwitz beim Fototermin in seinem Büro in München zwar Anzug und Krawatte. Doch als er sich für das Interview zurücklehnt und entspannt die Beine übereinanderschlägt, rutscht die Hose hoch – und gibt den Blick frei auf quietsch- und moosgrün geringelte Wollsocken.

Auch im Gespräch gibt sich von Wallwitz unkompliziert. Er erklärt, statt zu belehren. „Er liebt es, sein Wissen zu reproduzieren“, sagt der Künstler Henrik Schrat, der von Wallwitz seit über zehn Jahren kennt. „Denken ist für ihn eine sinnliche Angelegenheit.“ So gern von Wallwitz große Denkbögen schlägt: Er plaudert auch gern drauflos. Wie ihn ein Literaturagent auf sein monatlich erscheinendes „Börsenblatt für die gebildeten Stände“ ansprach, in dem er seine Beobachtungen zu aktuellen Ereignissen am Finanzmarkt niederschreibt. Wie er ihn bat, ein Buch daraus zu machen. Wie er danach zwei Jahre lang morgens, nachdem er die Kinder zum Schulbus gebracht hatte, in die Bayerische Staatsbibliothek fuhr, um dort zu schreiben. Und wie er kurz vor 10 Uhr die Flucht ergriff, wenn die Studenten Einzug in den Lesesaal hielten. „Dann wurd`s ungemütlich“, sagt er – und lacht ein glucksendes Lachen, das viele seiner Sätze begleitet.

Für sein Buch hat sich der 44-Jährige beim antiken Dichter Homer bedient: Er sieht Odysseus als Prototyp des idealen Börsenakteurs: listig, immer auf den eigenen Vorteil bedacht – aber auch mit einer gehörigen Portion Skepsis ausgestattet, die ihn vor Fehlentscheidungen bewahrt. Odysseus bleibt aber ein nicht erreichtes Ideal. In Wahrheit, schreibt der Autor, gleiche ein Akteur an der Börse einem Wiesel: Und diese kleinen, gierigen und panischen Tiere seien mit ihrer Aufgabe als Raubtier schlicht überfordert. Von Wallwitz meint damit nicht nur die Privatanleger, sondern vor allem die Händler und Fondsmanager, für die Börsenhandel das tägliche Brot ist. „Es gibt Leute, die sich ihrer Überforderung nicht bewusst sind – das sind wahrscheinlich die gefährlichsten.

Diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen, verlieren das meiste Geld.“ Er selbst bemüht sich, die eigenen Grenzen stets im Blick zu behalten. „Wenn man aufhört, skeptisch zu sein, ist es meistens an der Zeit, dass man viel Geld verliert.“ Diese Skepsis hat ihn während der Internetblase vor großen Verlusten bewahrt.

Wallwitz' Buch Odysseus und die Wiesel, copyright: Robert Brembeck

Wallwitz‘ Buch Odysseus und die Wiesel, copyright: Robert Brembeck

Von Wallwitz schafft es, die Aktien der Unternehmen aus dem Neuen Markt rechtzeitig abzustoßen – um dann einen Fehler zu begehen: Er investiert in die vermeintlich sicheren Anteilscheine der Allianz. Doch die Versicherung ist selbst umfangreich in Aktien investiert. Mit dem in die Tiefe trudelnden DAX, der binnen drei Jahren von gut 8000 auf 2200 Punkte stürzt, fällt auch die Allianz-Aktie – und von Wallwitz hat sein schmerzlichstes Lehrgeld bezahlt.

Deshalb will er sich mit seinem Buch auch nicht zum Schulmeister aufschwingen.

„Kochrezepten für gute Investmentstrategien“, wie er sie nennt, steht er skeptisch gegenüber. Sein Buch will dem Leser eigentlich nur einen Rat geben: „Mal ein Stück zurücktreten und reflektieren.“ Er tut das in seinem „Börsenblatt für die gebildeten Stände“. In der Februarausgabe blickt er auf Anleihen und Rohstoffe und kritisiert deren magere Renditechancen. „Auch Rohstoffe können im Preis fallen, ähnlich wie Immobilien, Kunst, Briefmarken, Oldtimer oder was sonst dieser Tage als Fluchtwährung gehandelt wird.“ Dabei liege die bessere Alternative doch auf der Hand: Aktien. Mit ihnen sei es egal, ob eine Inflation oder Deflation komme.

Deshalb besteht die größte Position in seinem Mischfonds, dem Phaidros Funds Balanced, aus Aktien. Knapp 38 Prozent des Portfolios machen die Dividendentitel aus, gefolgt von Unternehmensanleihen und Cash. Die beiden am stärksten gewichteten Branchen sind Finanzdienstleister und Konsumgüterhersteller. Zu den Top-Ten-Positionen gehören auch die Aktien von Bayer und Vodafone.

Im vergangenen Jahr musste der Fonds Federn lassen. Auf Sicht von drei Jahren erzielte er aber ein Plus von knapp neun Prozent pro Jahr – und liegt damit deutlich über dem Schnitt der Mischfonds. Auch wenn die Aktienkurse in den vergangenen Wochen bereits stark anzogen: Von Wallwitz glaubt an einen weiteren Aufschwung. Die globalen Loblieder auf Rohstoffe und die Schwellenländer ignoriert er dagegen. Gold ist in seinem Fonds mit sieben Prozent gewichtet – und eigentlich ist ihm schon das zu viel: „Gold ist eindeutig in einer Blase.“ Das Edelmetall ist für ihn ein Notnagel, wenn die Währungsunion auseinanderbrechen sollte. Doch so recht will von Wallwitz nicht daran glauben. Und so zweifelt er an einem weiteren Preisanstieg. Gold sei seit sieben Jahren beinahe unaufhörlich gestiegen. „Es würde mich nicht wundern, wenn mancher Investor, der heute kauft, schon bald auf erheblichen Verlusten sitzt.“ In Schwellenländern ist sein Fonds nur wenig investiert: Er setzt auf westliche Unternehmen, die ein starkes Schwellenländerengagement haben, etwa Nestlé oder Pepsico. „Da wissen wir, dass die Bilanzen stimmen.“ Bei Investments liegt der Gewinn im Einkauf, davon ist von Wallwitz überzeugt.

Seine Anlagephilosophie ist stark Valuegetrieben und zudem opportunistisch: Wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet, investiert er. Nur einmal hat er sich nicht rechtzeitig entschieden, erzählt sein langjähriger Freund Schrat: Als sie vor Jahren gemeinsam in einer Kunstausstellung waren, riet er von Wallwitz, ein Bild des damals noch weitgehend unbekannten Künstlers Neo Rauch zu kaufen. Von Wallwitz zögerte – und ärgert sich bis heute darüber.

von Wallwitz beim Interview, copyright: Robert Brembeck

von Wallwitz beim Interview, copyright: Robert Brembeck

Er trifft seine Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus, sondern nach reiflicher Überlegung. Nach dem Studium strebt von Wallwitz eine Karriere an der Universität an. Er hatte ein Diplom in Mathematik und einen Magisterabschluss in Philosophie in der Tasche, als er für ein Jahr als Visiting Fellow an die amerikanische Eliteuni Princeton ging. Doch er störte sich schnell an den unsteten Zukunftsaussichten. Die Uni kann ihm nur befristete Anstellungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter bieten, er will mehr. Kurzerhand bewirbt er sich bei der DWS – und wird genommen. 1998 beginnt er seine Arbeit als Trainee in Frankfurt. Von Wallwitz lernt bei der Tochter der Deutschen Bank das Handwerkszeug, erstellt vor allem quantitative Analysen – und wechselt im Jahr 2000 zur Privatbank Hauck & Aufhäuser nach München. Dort managt er Spezialfonds und kümmert sich um einen Teil der Asset-Allocation.

Beruflich kommen ihm in diesen Jahren Zweifel: Bei der Strukturierung des Portfolios stört ihn, dass er sich im Wesentlichen auf Rendite und Risiko beschränken muss. „Mit solchen Kurszielen lässt man völlig außer Acht, dass auch Politik und Psychologie in den Markt hineinwirken.“ Von Wallwitz will auch die sogenannten weichen Faktoren berücksichtigen. Um dafür freie Hand zu haben, will er sich selbstständig machen. Er hört sich in der Branche um, gerät dabei an Giselherr Freiherr von Eyb, der einen Nachfolger für seine Vermögensverwaltung sucht. Von Eyb hat den Kontakt zu den Kunden, von Wallwitz das institutionelle Know-how: Die beiden gründen gemeinsam die Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz. Zwei Jahre später stirbt von Eyb plötzlich. Sein Partner führt die Geschäfte ein Jahr lang allein. Dann holt er den ehemaligen Kollegen Ernst Konrad zu sich – mit einem stichhaltigen Argument. „Hier hat das Vermögen, das er betreut, zwar ein paar Nullen weniger – aber dafür hat er die unternehmerische Freiheit.“ Die unternehmerische Freiheit nutzt von Wallwitz selbst nur zu gern. Er genießt seine Unabhängigkeit, die es ihm erlaubt, frei von der Leber weg zu sprechen. Als er in einer Gesprächsrunde des Fernsehsenders Phoenix neben dem Deutschlandchef der Ratingagentur Standard & Poor`s sitzt, erklärt er ihm unumwunden, dass er dessen Unternehmen für überflüssig hält.

Bei der Lesung im Roten Salon der Berliner Volksbühne erntet er für diese Aussage Applaus – wie so oft an diesem Abend. Sein Buch ist mittlerweile das erfolgreichste des Berenberg Verlags. Verlagschef Heinrich von Berenberg hält nicht nur deshalb große Stücke auf von Wallwitz. Er schätzt „Juri“, wie von Wallwitz von seinen Freunden genannt wird, für seine unaufgeregte Art und seine Belesenheit. „Ich schätze, das ist es auch, was ihn in seinem Job so erfolgreich sein lässt.“

erschienen in Börse Online 09/12