Eine neue Ernährungsform konzentriert sich ausnahmsweise mal nicht auf den strengen Verzicht. Stattdessen geht es um Kauf- und Essgewohnheiten, die der Umwelt und dem Klima zugutekommen. Bringt das etwas?

Ob Naturkatastrophen, Hitzerekorde oder die Abholzung des Regenwaldes: Die deprimierenden Nachrichten rund um Klima und Umwelt nehmen kein Ende. Für gewöhnlich sind diese Vorfälle weit weg und erscheinen so abstrakt, dass man sich als Verbraucher schnell überfordert fühlt: Wie soll man als Einzelner die Folgen von Umweltzerstörung oder Klimawandel aufhalten? „Je mehr ich über Klimawandel lernte, umso mehr überwältigte es mich“, sagt Jamie van Jones. Die in Australien lebende Kanadierin entschied sich dazu, sich mehr auf Lösungen zu konzentrieren. „Anstatt immer nur auf die Probleme zu schauen.“. Sie entschied sich für eine Ernährung als Klimatarier: Sie folgt bei ihrer Ernährung bestimmten Grundsätzen, um ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten.

Mit bewussten Entscheidungen, was auf ihrem Teller landet, tragen Verbraucher wie Jamie täglich bei jeder Mahlzeit zum Umwelt- und Klimaschutz bei. Die Klimatarier-Bewegung predigt keinen kompletten Verzicht, sondern reduziert den Kauf und Verzehr von Lebensmitteln, deren Anbau oder Produktion der Umwelt Schaden zufügen. Zu ihren Grundsätzen gehört, wenig bis gar kein rotes Fleisch zu essen, saisonales und lokales Obst und Gemüse zu verzehren, nach Möglichkeit Bioprodukte zu kaufen und auf wenig Plastikverpackung zu achten.

„Als Erstes habe ich begonnen, frisches Obst und Gemüse auf dem lokalen Bauernmarkt zu kaufen“, sagt van James. Die Suche nach einer Alternative für Milch gestaltete sich hingegen schwieriger: „Ich habe mich gegen Sojamilch entschieden wegen der Art, wie Soja gezüchtet wird. Außerdem kann man die Verpackung nicht wiederverwenden oder ausreichend recyceln. Gegen Mandelmilch sprach der hohe Wasserverbrauch: Eine einzelne Mandel benötigt zum Wachstum fünf Liter Wasser.“ Van James fand schließlich einen Bauernhof in der Nähe, der Kuhmilch in Glasflaschen verkauft und diese zurücknimmt, um sie neu zu befüllen. Sie entschied sich für die lokale Alternative und dafür, ihren Milchverbrauch im Allgemeinen zu reduzieren. Nach ihrer Recherche zu einzelnen Lebensmitteln schrieb sie anfangs Menüpläne für die Woche, um die Umstellung zu erleichtern. „Mittlerweile ist es für mich und meinen Ehemann mehr ein Lebensstil als eine Ernährungsweise“, sagt van James.

Mittelpunkt der klimatarischen Ernährung ist der reduzierte Verzehr von rotem Fleisch. Gidon Eshel untersuchte 2014 den Effekt, den Ernährungsweisen auf die Umwelt haben. Eshel ist Professor für Umweltwissenschaften und Physik am Bard College in New York und sprach über seine Forschung mit Schauspieler Leonardo DiCaprio für dessen Dokumentarfilm „Before the Flood“: Rinderzucht ist zehnmal schädlicher für die Umwelt als andere Viehzuchten. Sie nimmt mehr Land in Anspruch und verbraucht mehr Futter und Wasser als Schweine- oder Hühnerzucht, ganz zu schweigen von Pflanzenanbau. In den USA werden 47 Prozent des Landes für die Lebensmittelproduktion genutzt – allein 70 Prozent davon nur, um Futter für Rinder anzubauen. „Die Dinge, die wir tatsächlich essen – Obst, Gemüse, Nüsse – nehmen nur ein Prozent des Landes in Anspruch“, erklärt Eshel. Hinzu kommt, dass Kühe bei ihrer Verdauung mit ihren vier Mägen Methan produzieren, das sie wieder in die Atmosphäre abgeben – entgegen der populären Meinung nicht als Flatulenz, sondern weil sie aufstoßen. „Methan ist ein starkes Treibhausgas. Methan ist wesentlich schädlicher als Kohlendioxid: Jedes einzelne Methan-Molekül ist equivalent zu 23 Molekülen Kohlendioxid. Und beinahe das gesamte Methan in der Atmosphäre stammt von der Viehzucht“, sagt Eshel. Der Wissenschaftler versteht, dass nicht jeder komplett auf Fleisch verzichten und nur Tofu essen will. Er erklärt, dass schon der Wechsel von Rindfleisch zu Hühnerfleisch die persönliche Klimabilanz um bis zu 80 Prozent verbessern kann.

Positiven Einfluss hat auch die Wahl von saisonalem und regionalem Obst und Gemüse. So werden lange Transportwege und die dabei verursachten Emissionen vermieden. Auch vollwertige Kost, die wenig bis gar nicht industriell verarbeitet wurde, steht auf dem Einkaufszettel. Solche Lebensmittel verursachen keine hohen Energiekosten in der Verarbeitung. Der Verbraucher profitiert außerdem von weniger Konservierungsstoffen in der Nahrung.

Auch die Amerikanerin Maya Silver lebt nach den Klimatarier-Prinzipien. „Das heißt nicht, dass ich außerhalb der Saison nie Tomaten kaufe. Aber ich vermeide es so oft es geht und würde kein tomatenbasiertes Gericht wie eine Caprese planen, wenn sie keine Saison haben“, sagt sie. Bei Produkten wie Kaffee oder Schokolade kauft Silver die Fair Trade Variante. Im Supermarkt wählt sie größere Abpackungen, um weniger Verpackungsmüll zu haben. Die Vorratshaltung erlaubt ihr außerdem, seltener zum Supermarkt zu fahren. Von Obst und Gemüse verarbeitet sie im Idealfall jeden Teil von der Wurzel bis zum Stamm oder kompostiert die Abfälle. Silver ist vor Kurzem Mutter geworden und mit ihrem Ehemann in eine ländlichere Gegend gezogen, wo sie selbst Obst und Gemüse anbauen will. Den Kompost kann sie beim Pflanzenanbau als Dünger nutzen. Auch Schweine und Hühner will sich das Paar anschaffen. Silver und van James sagen, dass die Ernährungsumstellung sich moderat beim Einkaufsbudget bemerkbar macht: Das Geld, dass sie durch den Verzicht auf Fleisch sparen, können sie in teurer gehandelte organische Produkte investieren.

Bei Restaurantbesuchen stößt die klimatarische Ernährung zuweilen an ihre Grenzen. „Oft weiß man nicht, woher die Produkte kommen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden“, sagt Silver. Sie bestellt dann vegetarisch oder vegan, um den Ansprüchen so gut wie möglich gerecht zu werden. „Es geht darum, den persönlichen Einfluss gering zu halten, ohne dabei verrückt zu werden“,

Neben Leonardo DiCaprio machen sich auch andere Prominente für eine klimafreundlichere Ernährung stark. 2016 stellten sich Arnold Schwarzenegger und Regisseur James Cameron für die amerikanische Umweltschutzorganisation WildAid gemeinsam vor die Kamera, um die Vorteile von Fleischverzicht zu erklären. Der Clip unterstützte eine Initiative der chinesischen Regierung, die der Bevölkerung in ihren Ernährungshinweisen riet, weniger Fleisch zu essen. Aktuell liegt der Fleischkonsum pro Kopf in China bei 63 Kilogramm pro Jahr, bis 2030 steigt er Prognosen zufolge auf jährlich 93 Kilogramm. Die chinesische Regierung fordert ein Umdenken, um Übergewicht und gesundheitsschädigenden Folgen wie Diabetes und Herzkrankheiten zu vermeiden. Weniger Fleischkonsum könnte die chinesischen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 von den prognostizierten 1,8 Milliarden Tonnen auf 0,8 Milliarden Tonnen reduzieren.

Wissenschaftler der britischen Oxford Martin School untersuchten 2016 drei verschiedene globale Szenarien beim Fleischkonsum: Eine Reduktion gemäß der medizinisch empfohlenen Richtlinien würde bis 2050 weltweit ein Drittel der Klimagase einsparen, die durch Lebensmittelerzeugnis entstehen, und mehr als fünf Millionen vorzeitige Todesfälle aufgrund von Diabetes und Herzkrankheiten vermeiden. Ein weitreichender Wechsel zur vegetarischen Ernährungsweise würde 63 Prozent der lebensmittelbasierten Klimagase vermeiden, eine vegane Ernährungsweise sogar 70 Prozent. Außerdem ließen sich dadurch bis 2050 jährlich weltweit 1 Milliarde Dollar Kosten im Gesundheitssystem einsparen.

Die positiven Effekte einer pflanzenbasierten Ernährung überzeugten auch die Hamburger Otto Group, die deshalb das Angebot in ihren Kantinen komplett umgestellt hat. Von 2012 bis 2017 bot das Unternehmen bereits einen Klima-Teller an, bei dem einmal wöchentlich eine pflanzliche Mahlzeit angeboten wurde. Anfang 2018 wurde das pflanzenbasierte Angebot beim Essen erheblich ausgeweitet, sodass der Fleischanteil mittlerweile bei 30 Prozent liegt, der Gemüseanteil hingegen bei 70 Prozent. „Man sagt ja immer, dass die Currywurst in der Kantine der Renner ist. Wir haben mittlerweile Tage, an denen das vegane Gemüsecurry die Currywurst schlägt“, sagt Linda Klein, Sprecherin des Unternehmens.

Kantinenchef Niels Mester hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ernährung der Otto-Mitarbeiter gesund, frisch und klimafreundlich zu gestalten, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger vorzugehen. Mehr als 2500 Gerichte werden täglich auf dem Otto Campus ausgegeben. Neben den Fleischgerichten stehen auf dem Speiseplan Mahlzeiten wie vegetarisches Spargelfrikassee, veganer Teriyaki Tofu mit geschmortem Mango Chicorée oder eine vegane Bauernpfanne. „Unser Ziel ist es, so gute vegetarische und vegane Kost anzubieten, dass die Mitarbeiter durch den Geschmack von einer Ernährungsumstellung überzeugt werden“, so Klein.

Die Reaktionen auf das neue Angebot waren durchweg positiv. Weil die Speisen frisch vor den Augen der Mitarbeiter zubereitet werden, müssen die Gerichte nicht erst vorgekocht, dann kühlgestellt und vor dem Servieren erneut erhitzt werden – so spart das Unternehmen Energie und Wasser. Aktuell prüft Otto, ob man den Co2-Ausstoß pro Gericht schon bei der Rezeptauswahl und beim Einkauf in Betracht ziehen kann.

Maya Silver will ihre Ernährungsgewohnheiten auch an ihrer sieben Monate alte Tochter Jolene weitergeben. Beim letzten Einkauf landeten Chips mit Insektenprotein im Einkaufskorb. Jolene zwar noch zu jung, um daran zu knabbern. „Aber ich will, dass sie klimatarisch aufwächst und solche Ernährungsentscheidungen für sie ganz normal sind“, so Silver.