17 Jahre lang versetzte er die USA in Schrecken: Als „Unabomber“ verletzte und tötete das Mathematikgenie Theodore Kaczynski mit Bomben Menschen. Sein Ziel: eine neue Gesellschaft.

Mit stählernem Blick starrte der Angeklagte ins Leere, als die Ehefrau eines Opfers das Wort ergriff. „Mögen Sie erblinden, indem man Ihnen die Möglichkeit raubt, das Licht des Mondes, der Sterne, der Sonne und die Schönheit der Natur zu sehen – für den Rest Ihres Lebens“, sagte Lois Epstein, bevor Richter Garland Ellis Burrell die Strafe verkündete. Am 4. Mai 1998 verurteilte er Theodore John Kaczynski, der Öffentlichkeit als „Unabomber“ bekannt, zu acht Mal lebenslänglich in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Seitdem verbüßt Kaczynski seine Strafe im ADX Florence im US-Bundesstaat Colorado. Es gilt als sicherstes Bundesgefängnis der USA. Er lebt in einer 2 mal 3,60 Meter großen Zelle – fast so groß wie die Hütte, in der er seine Anschläge plante.

In den Wäldern im US-Bundesstaat Montana hatte Ted Kaczynski ab 1978 Briefbomben gebaut und ins ganze Land verschickt. Seine Bomben kosteten drei Menschen das Leben und verletzten 23 Menschen zum Teil schwer. Die Anschlagsserie dauerte 17 Jahre – und führte zur längsten Verbrecherjagd der US-Kriminalgeschichte. Weil seine ersten Anschläge auf Universitäten und Airlines abzielten, gaben die Ermittler ihm den Namen „Unabomber“: zusammengesetzt aus den ersten Buchstaben seiner Zielobjekte. Seine Opfer wählte Kaczynski zufällig aus. Für ihn symbolisierten sie einen technologiezentrierten Lebensstil, der die Selbstbestimmung des Menschen untergrub.

Kaszynski wäre beinahe selbst Teil dieser Gesellschaft geworden. Geboren wurde er am 22. Mai 1942 in Chicago, mit neun Monaten erlitt er einen schweren allergischen Schock. Die Ärzte isolierten das Kleinkind während der Behandlung tagelang von seinen Eltern. Seine Mutter Wanda sah das traumatische Erlebnis später als Grundstein für Teds soziale Ängste. Er fiel früh als intelligent auf, wurde auf einen IQ von 167 getestet und übersprang die 6. und die 11. Klasse.

Codename „Lawful“

Jünger als seine Mitschüler, körperlich nicht gleichauf, geistig jedoch überlegen, fand Ted sich in der Rolle des Außenseiters wieder. Mit 16 begann er ein Mathematikstudium an der 1500 Kilometer entfernten Elite-Uni Harvard. Freunde rieten seinen Eltern davon ab, den Teenager an die wettbewerbsintensive Lehranstalt zu schicken. Für den Vater wog der Stolz auf seinen hochbegabten Sohn stärker.

In Harvard nahm Kaczynski an einem Experiment von Henry Murray teil. Der Psychologieprofessor testete für die CIA-Vorgängerorganisation OSS Techniken der Gedankenkontrolle. „Murray setzte seine ahnungslosen Studenten, darunter Kaczynski, intensiven Verhören aus“ – die Murray selbst als ‚vehemente, drastische und persönlich herabwürdigende‘ Attacken bezeichnete, bei denen die Egos und meistgeschätzten Ideale und Überzeugungen der Probanden attackiert wurden“, schreibt Alston Chase in seinem Buch „Harvard and the Unabomber: The Education of an American Terrorist“. Die Akten des Experiments und der Probanden sind bis heute verschlossen. Nur Kaczynskis Codename ist bekannt: „Lawful“ – gesetzestreu.

Ab 1962 schrieb Kaczynski an der Universität von Michigan seine Doktorarbeit in Mathematik, nahm danach als 25-Jähriger eine Stelle als Assistenzprofessor in Berkeley an und reichte nur zwei Jahre später überraschend seine Kündigung ein. Er zog in die Nähe seiner Eltern nach Lombard, Illinois. Kurze Zeit arbeitete er an der Seite seines Bruders David in einer Fabrik und verliebte sich in eine Kollegin. Als sie ihn zurückwies, hängte er in der Fabrik sarkastische Gedichte über sie auf. Weil er sich weigerte, damit aufzuhören, entließ David ihn. Danach brach Kaczynski mit der Gesellschaft.

Ab 1971 lebte er in einer selbst gebauten 3 mal 3,50 Meter großen Hütte in den Wäldern von Montana. Sie hatte weder Elektrizität noch fließend Wasser; als Badezimmer diente ihm ein Ausschnitt im Fußboden. Hier steigerte sich sein Hass auf die Gesellschaft bis zur Gewaltbereitschaft.

„Ich unterstreiche, dass meine Motivation persönliche Rache ist. Ich gebe nicht vor, irgendeine philosophische oder moralische Rechtfertigung zu haben“, schrieb er 1977 in sein Tagebuch. „Mein Ziel ist es, einen Wissenschaftler, wichtigen Geschäftsmann, einen Regierungsbeamten oder jemand Vergleichbares zu töten. Außerdem möchte ich einen Kommunisten töten.“

Ein Land in Angst

Die erste Bombe explodierte am 25. Mai 1978 auf dem Gelände der Northwestern University in Evanston, Illinois. Ein Polizist erlitt leichte Schnittverletzungen und Verbrennungen. Knapp ein Jahr später wurde ein Student derselben Universität bei einer Explosion verletzt. Kaczynski hatte die Bomben bei einem seiner seltenen Heimatbesuche auf dem Campus platziert. Es waren die letzten Reisen zu seiner Familie; die Beziehung verschlechterte sich dramatisch.

Er gab unter anderem seinen Eltern die Schuld an seiner Sozialphobie, wie ein Brief an seine Mutter zeigt: „Stell dir vor, dass du über Jahre jedes Mal, wenn du – sagen wir – eine Banane anfasst, einen elektrischen Schock bekommst. Danach wärest du immer nervös mit einer Banane in der Nähe, selbst wenn du wüsstest, dass sie diesmal keinen Schock auslösen würde. Auf die gleiche Weise haben mich die vielen Zurückweisungen, Verspottungen und anderen schmerzhaften Einflüsse während des Erwachsenwerdens zu Hause, in der Schule und in Harvard so konditioniert, dass ich Angst vor Menschen habe.“

Bald war er es, der das Land in Angst versetzt. Eine Bombe an Bord eines Flugzeugs führte am 15. November 1979 zu schwerer Rauchentwicklung; die Maschine musste notlanden. In den folgenden Jahren verschickte Kaczynski Bomben an den Präsidenten von United Airlines, an die Universitäten von Utah, Vanderbilt, Berkeley und Michigan sowie an Boeing. Die FBI-Sonderermittler konnten keine Verbindung zwischen den Opfern feststellen. Seinen Bomben legte Kaczynski absichtlich falsche Spuren, aber nie ein Bekennerschreiben bei.

1985 tötete eine in einem Stück Holz versteckte Nagelbombe Hugh Scrutton, Besitzer eines Computerladens im kalifornischen Sacramento. „Die Sacramento Bee schreibt, dass der Besitzer des Ladens getötet wurde, Zitat: in Stücke gerissen, am 12. Dezember. Exzellent. Menschlicher Weg, jemanden zu eliminieren. Er hat wahrscheinlich gar nichts gespürt. 25.000 Dollar Belohnung ausgesetzt. Ziemlich schmeichelhaft“, notierte Kaczynski in sein Tagebuch.

Im Februar 1987 platzierte er eine weitere Bombe nahe einem Computerladen, die den Besitzer schwer verletzte. Anhand einer Zeugenaussage entstand ein Phantombild Kaczynskis, das berühmt wurde: ein Mann in Kapuzenjacke und mit Sonnenbrille.

Sieben Jahre blieb er inaktiv, dann schickte er im Juni 1993 im Abstand von nur zwei Tagen Bomben an den Genforscher Charles Epstein und den Computerwissenschaftler David Gelernter. Beide wurden schwer verletzt. Im Jahr danach tötete eine Bombe den Consultingprofi Thomas Mosser, am 24. April 1995 starb Lobbyist Gilbert Brent Murray bei einer Explosion. Erstmals äußerte sich der Unabomber öffentlich: Unter dem Pseudonym „FC“ für „Freedom Club“ forderte er die „New York Times“ und die „Washington Post“ auf, sein 35.000-Wörter-Manuskript „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ zu veröffentlichen. Im Gegenzug würde er mit dem Bomben aufhören.

„Machen Sie das Urteil bombensicher“

„Die industrielle Revolution und ihre Folgen haben sich für die Menschheit als Desaster erwiesen“, beginnt das Unabomber-Manifest. Kaczynski argumentiert darin, dass Technologien die Gesellschaft destabilisieren und Menschen in ein unerfülltes Leben drängen. Im Zuge des technischen Fortschritts werde die Menschheit an das System angepasst, obwohl es umgekehrt sein sollte. Als Lösung fordert er die Rückkehr zur wilden Natur.

Auf Anraten der Staatsanwaltschaft und des FBI wurde die Schrift gedruckt. Erstmals in der Kriminalgeschichte analysierten Agenten die Sprache eines Kriminellen, um daraus Rückschlüsse auf sein Profil zu ziehen. Sie hofften, dass jemand den Schreibstil des Attentäters erkennen würde.

Tatsächlich sah Kaczynskis Schwägerin beim Lesen Parallelen zu seiner Gedankenwelt. Aus Angst vor der Tötung seines Bruders beim Zugriff – wie bei dem 1992 von US-Marshals verursachten Blutbad von Ruby Ridge – wollte David Kaczynski die Identität seines Bruders zunächst geheim halten und wandte sich über einen Anwalt an die Ermittler. Nachdem sich die Indizien auf Kaczynskis Täterschaft mehrten, nahmen die Behörden ihn am 3. April 1996 in seiner Hütte fest.

 Für seine Anschläge drohte ihm die Todesstrafe. Seine Familie drang öffentlich darauf, dass er psychisch gestört sei. Eine Psychologin attestierte Kaczynski paranoide Schizophrenie, sein Anwaltsteam wollte ihn als unzurechnungsfähig verteidigen. Kaczynski versuchte, sie zu entlassen und sich selbst zu verteidigen, doch der Richter lehnte den Antrag ab.

Weil er seine Anschläge nicht als die Taten eines Irren verstanden haben wollte, bekannte Kaczynski sich am 22. Januar 1998 schuldig und wurde vier Monate später verurteilt. Die Witwe seines zweiten Todesopfers hatte den Richter gebeten: „Machen Sie das Urteil kugelsicher, besser noch bombensicher.“