Miss Edna im Salon der Chicken Ranch (Sammlung von Jayme Lynn Blaschke)

Miss Edna im Salon der Chicken Ranch (Sammlung von Jayme Lynn Blaschke)

Die Chicken Ranch bei La Grange war jahrzehntelang ein übliches Provinz-Bordell – getarnt als Hühnerfarm. Bis 1973 ein Reporter einen Skandal dahinter witterte und den Ort gegen sich aufbrachte.

Die Rückkehr an den bedeutendsten Ort seiner Karriere hatte sich Marvin Zindler anders vorgestellt. Der TV-Journalist lenkte 1975 seinen Wagen durch die Straßen der texanischen Stadt La Grange, als der örtliche Sheriff neben ihm auftauchte. Unvermittelt langte Jim T. Flournoy durchs offene Fenster in Zindlers Wagen, packte ihn und begann, an ihm zu zerren. Zindler stemmte sich mit aller Kraft dagegen, minutenlang rangen die beiden – so heftig, dass der Reporter sich zwei Rippen brach.

Flournoy bekam Zindlers Haare zu fassen. Er zog kräftig und hatte schließlich dessen Toupet in der Hand. Triumphierend schwenkte der Sheriff das Haarteil durch die Luft und rief höhnisch immer wieder den Namen des Reporters, während er es auf den staubigen Boden warf und darauf herumtrampelte. Dann schnappte er sich Zindlers Kamera und zerstörte den eingelegten Film. „Du Hurensohn, komm bloß nicht noch einmal hierher! Das ist die letzte Warnung, dass ich dich in dieser Gemeinde nicht mehr sehen will“, brüllte der Sheriff. Zindler trat das Gaspedal durch und verließ die Stadt.

Der Reporter hatte sich in La Grange wahrlich keine Freunde gemacht. Zwei Wochen lang hatte er 1973 einen TV-Feldzug gegen das örtliche Bordell geführt: die Chicken Ranch. Zindler hatte dem Etablissement Verbindungen zu einem Prostituiertenring unterstellt und von Schmiergeldern an Politik und Polizei gesprochen.

In Wahrheit war die Story eine Ente – und die Chicken Ranch nur ein Provinz-Bordell. Wenn auch das vielleicht bekannteste der USA. Denn noch heute ist das Freudenhaus weit über Amerika hinaus bekannt: Die Rockband ZZ Top besang es 1973 im Song „La Grange“, das Broadway-Musical „The Best Little Whorehouse in Texas“ basierte ebenso auf der Geschichte der Chicken Ranch wie der gleichnamige Film mit Dolly Parton und Burt Reynolds.

Bettgeflüster wurde dem Sheriff gemeldet

„Die Chicken Ranch war das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Region“, sagt Autor Jayme Lynn Blaschke, der die Geschichte des Bordells für sein Buch „Inside the Texas Chicken Ranch“ recherchiert hat. Das Freudenhaus wurde von Nachbarn und Polizei geduldet und gilt als das am längsten bestehende Etablissement dieser Art in Texas.

Seine Anfänge liegen im Jahr 1913, als die Prostituierte Jessie Williams die Leitung eines Bordells in La Grange übernahm. Weil Prostitution im Stadtzentrum nicht gern gesehen war, kaufte sie 1915 vier Hektar Land wenige Kilometer außerhalb der Stadt und zog mit ihren Mädchen auf die Farm. Um Ärger mit der Polizei zu vermeiden, traf sie eine Vereinbarung mit Sheriff Will Loessin: Plauderten die Freier beim Bettgeflüster kriminelle Aktivitäten aus, erstattete sie ihm Bericht.

Drei Jahrzehnte lang führte sie ihr Geschäft ungestört – sogar durch schwere Zeiten wie die Große Depression. Bis heute hält sich der Mythos, der Name „Chicken Ranch“ gehe darauf zurück, dass klamme Kunden in der Krise mit Naturalien zahlten. Tatsächlich, so Blaschke, hatte man Miss Jessie vor einer Ermittlung wegen illegaler Prostitution gewarnt und ihr geraten, sich zur Tarnung Hühner zuzulegen. Obwohl das Geflügel nach weniger als einem Jahr von der Farm verschwunden war, blieb der Name haften: Ein „Besuch auf der Chicken Farm“ wurde in La Grange zum Euphemismus für den Ausflug ins Bordell.

Leichte Mädchen für den Präsidenten

1961 verkaufte Miss Jessie die Ranch für 28.000 Dollar an eine ihrer Frauen. Aus Edna Milton wurde „Miss Edna“. Sie stellte strikte Regeln auf: Alkohol war gänzlich verboten. Die Mädchen arbeiteten drei Wochen und bekamen während ihrer Periode eine Woche Urlaub. Sie mussten sich einmal wöchentlich einem Gesundheitscheck beim Arzt unterziehen, durften pro Woche ein Telefonat führen und einmal ihren Geliebten treffen.

Auch Miss Edna gab dem neuen Sheriff Jim T. Flournoy Tipps, mittlerweile über eine direkte Telefonleitung in sein Büro. Beamte regelten in ihrer Freizeit den Verkehr rund um die Ranch. Miss Edna kaufte bei den Geschäften in La Grange ein, spendete großzügig an das örtliche Krankenhaus und sponsorte ein Jugend-Baseballteam.

In den Sechzigerjahren beschäftigte Miss Edna zwischen acht und zwölf Mädchen. Farmer schickten ihre Söhne auf die Ranch, Studenten der nahen Texas A&M Universität besuchten sie als Aufnahmeritual. Immer wieder fuhren schicke Wagen mit Politikern vor: „Sie waren wirklich laut und wild, sie hatten gern etwas Spaß“, erinnert sich die frühere Prostituierte Penny an den texanischen Gouverneur John Connally und seinen Bruder Wayne. Sogar Präsident Lyndon B. Johnson ließ sich eines der Mädchen auf seine Farm bringen.

Im Visier der Justiz

Die Ranch florierte, bis das Texas Department of Public Safety (DPS) im November 1972 eine zweitägige Observation durchführte. Pro Tag zählten die Beamten mehr als 140 Fahrzeuge mit je mindestens zwei Insassen. Jährlich, so schätzten sie, nahm das Freudenhaus 1,5 Millionen Dollar ein. Sheriff Flournoy wurde angewiesen, das Etablissement wenigstens bis zur anstehenden Gouverneurswahl zu schließen. Der tat wie ihm geheißen – doch schon kurz nach der Wahl öffnete die Chicken Ranch wieder ihre Tore.

Die Mühlen der Justiz hatten zu mahlen begonnen. Der texanische Generalstaatsanwalt John Hill gründete 1973 eine Sondereinheit zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Weil die von Hill keinen klaren Arbeitsauftrag bekommen hatte, setzte sein Stellvertreter Herb Hancock sie kurzerhand auf die Chicken Ranch an und beauftragte den zuständigen Bezirksstaatsanwalt Oliver Kitzman mit einer Untersuchung. Als der ihn abblitzen ließ, wandte sich Hancock an die vierte Macht im Staat und spielte TV-Reporter Marvin Zindler den DPS-Report zu.

Zindler witterte eine große Story und berichtete zwei Wochen lang täglich in seiner Show „Eyewitness News“. Jim Flournoy wirkte wie ein korrupter Provinzpolizist, als er vor laufender Kamera erklärte: „Man muss nicht sonderlich intelligent sein, um zu wissen, was dort vor sich geht. Jeder kleine Farmjunge weiß, was da läuft.“ Zindlers Kollege Larry Conners stellte Miss Edna zur Rede: „Sie unterhalten hier kein Freudenhaus?“ „Ob ich das tue oder nicht, geht niemanden etwas an!“ Miss Edna erklärte mit Blick auf ihre jährlich entrichteten Steuern, die Regierung bekomme ihren Anteil. Im TV-Beitrag wirkte die Aussage wie das Eingeständnis von Schmiergeldzahlungen. Zindler bohrte weiter – und fragte Bezirksstaatsanwalt Kitzman vor laufender Kamera nach Schmiergeldern. Der verneinte – und sollte sich noch Jahrzehnte später weigern, erneut mit Zindler zu reden.

Vom Freudenhaus zum Broadway

Obwohl Zindler und Conners nicht das Gegenteil beweisen konnten, hielten sie hartnäckig an ihrer Version fest: Zindler pumpte die im DPS-Report geschätzten Einnahmen um eine Million auf insgesamt 2,5 Millionen Dollar auf und behauptete, solche Etablissements könnten nicht ohne einen Hintermann im organisierten Verbrechen und eine schützende Hand in der Justiz agieren. Die Kampagne zeigte Wirkung: Am 1. August 1973 verfügte der neu gewählte Gouverneur Dolph Briscoe die Schließung des Bordells.

Die Prostituierten zogen nach Austin und Dallas und arbeiteten auf der Straße. Das Handgemenge zwischen Zindler und Flournoy 18 Monate später endete mit einer Klage auf drei Millionen Dollar Schmerzensgeld. Sie einigten sich außergerichtlich auf eine fünfstellige Zahlung, die an ein Kinderkrankenhaus gespendet wurde. Miss Edna verließ Texas, heiratete und zog nach Phoenix, Arizona, wo sie 2012 starb.

Die Chicken Ranch wurde nach ihrer Schließung sich selbst überlassen; die Überreste des berühmten Bordells rotten heute auf einem Privatgrundstück vor sich hin. Der neue Eigentümer will sie als historisches Wahrzeichen von Texas eintragen lassen.

(einestages)