March 1966, Paris, France --- The Rolling Stones in Paris --- Image by © Pierre Fournier/Sygma/Corbis

Bootleg-Cover (Flickr)

Ein Woodstock an der Westküste sollte es werden: Die Rolling Stones organisierten mit den Grateful Dead 1969 das kostenlose Altamont-Festival. Als die Hells Angels um sich schlugen, endete es in einer Gewaltorgie.

Mick Jagger hatte nur wenige Schritte auf dem Festivalgelände gemacht, da traf ihn die Faust eines Fans mitten im Gesicht. Seit vier Wochen tourten die Rolling Stones durch die USA. Altamont bei San Francisco war am 6. Dezember 1969 die finale Station: Ein von den Stones angesetztes kostenloses, eintägiges Festival mit Santana, The Grateful Dead und Crosby, Stills, Nash & Young.

Die Bands und ihre Fans träumten von einem Woodstock an der Westküste. Es wurde eine chaotische, drogengetriebene Gewaltorgie.

1969 war ein Jahr der Gegensätze in Amerika: Im Juli machte Neil Armstrong die ersten Schritte auf dem Mond. Im August feierten 400.000 Hippies auf dem Acker eines Milchbauern eine friedliche Musikparty namens Woodstock, während in Vietnam weiter Krieg tobte. Am 9. August ermordete die Manson Family die schwangere Sharon Tate und vier ihrer Freunde. Zwei Tage vor Altamont wurde der Black-Panther-Aktivist Fred Hampton, 21, in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Mit seinem katastrophalen Verlauf wurde Altamont zum Symbol für das Ende der Love-Generation. „Es war, als hätten Altamonts Organisatoren eine Blaupause für ein Desaster ausgearbeitet“, schrieb das noch junge Musikmagazin „Rolling Stone“.

Festival ohne Veranstaltungsort

Kritik an hohen Ticketpreisen bewegte die Stones, ihre Tour mit einem Gratiskonzert zu beenden. Sie verabredeten mit The Grateful Dead, den Gig gemeinsam zu organisieren. Sonst gab es keinen Plan, keiner der Beteiligten hatte Erfahrung mit der Organisation eines so großen Konzerts.

Der Bürgermeister von San Francisco verweigerte die Auftrittsgenehmigung im Golden Gate Park. Ein Ausweichmanöver zur Sears Point Rennstrecke scheiterte 48 Stunden vor Konzertbeginn. In letzter Minute bot Unternehmer Dick Carter seine Rennstrecke 90 Kilometer vor San Francisco an. Niemand dachte daran, Toiletten oder Lebensmittel zu organisieren.

Die hastig gebastelte Bühne erhob sich nur einen Meter und stand schlecht einsehbar in einer Senke. Für Bier im Wert von 500 Dollar heuerte Stones-Tourmanager Sam Cutler die Hells Angels als Security an. The Grateful Dead hatten die Biker schon mehrmals für Konzerte verpflichtet.

Die Gewaltbereitschaft und der Rassismus der Hells Angels schienen niemanden zu stören. „Man war sich einig, dass man die Cops nicht mochte. Man mochte die gleichen Drogen“, so Saul Austerlitz, Autor von „Just a Shot Away. Peace, Love, and Tragedy with the Rolling Stones at Altamont“. Er spricht von einer Romantisierung der Angels. „Altamont war der Moment, in dem die Gegenkultur merkte, dass die Hells Angels nicht ihre Freunde sind.“

Revolver im Handschuhfach

Wie viele in der Bay Area hatte der 18-jährige Meredith Hunter dem Konzert entgegengefiebert. Hunters Schwester Dixie warnte ihn am Morgen, er werde wegen seiner Hautfarbe auffallen – erst recht mit seiner Freundin: „Es war eine Zeit, in der schwarze Männer nicht mit weißen Frauen zusammen sein sollten. Er verabschiedete sich und ich hatte dieses ungute Gefühl, dass jemand ohne jede Hilfe unterwegs war“, sagte sie der „New York Times“ 2009. Hunter vergewisserte sich, dass sein Revolver im Handschuhfach lag. Dann fuhr er zu seiner Freundin Patti Bredehoft.

Nahe der Rennstrecke schwang sich Bill Owens mit drei Kameras auf sein Motorrad, um für Associated Press Fotos vom Event zu machen. „Mich interessierten weder die Stones noch Jefferson Airplane“, sagt Owens, heute 81 Jahre alt. Er hatte eine Frau und ein Baby, stand am Anfang seiner Karriere und hielt nichts von Woodstock-Romantik: „Den ganzen Tag rumsitzen, Gras rauchen und einen wundervollen Tag haben – das war nichts für mich.“ Von einem Boxenturm neben der Bühne fotografierte er das Geschehen.

Schon bei der Eröffnung durch Santana gab es Handgemenge. Noch immer auf das Gelände strömende Fans drängten die Zuschauer gegen die Bühne. Dort schlugen oder traten die Hells Angels jeden, der zu nahe kam. Reichte das nicht, schwangen sie abgesägte Billardstöcke. Ein junger Mann tanzte nackt vor der Bühne, bis sie ihn brutal verprügelten. Blutend kroch er unter ein Gerüst. „Jemand hat mir später erzählt, dass er den ganzen Tag dort gelegen hat“, sagt Owens.

Das Zusammentreffen berauschter Fans und alkoholisierter Biker geriet zunehmend außer Kontrolle. Jefferson-Airplane-Sänger Marty Balin eilte einem Fan vor der Bühne zu Hilfe und wurde von einem Hells Angel k.o. geschlagen. Balins Bandkollege Paul Kantner bedankte sich ironisch, da pöbelte ein Biker per Mikro zurück. Hinter der Bühne schlug ein Bandenmitglied einen Roadie besinnungslos. Entsetzt sagten The Grateful Dead ihren Auftritt ab und verließen das Gelände. Die Stones wollten dennoch auftreten.

„Die verdammten Angels!“

Nach Sonnenuntergang eröffnete Mick Jagger das Set mit „Jumpin‘ Jack Flash“. Hunter hatte seine Freundin überredet, sich nahe an die Bühne vorzuarbeiten. Kaum hatte Jagger die ersten Zeilen von „Sympathy for the Devil“ gesungen, drängten die Hells Angels Fans vor der Bühne gewaltsam zurück. Jagger ließ das Mikro sinken und appellierte: „Hey Leute. Brüder und Schwestern. Regt euch mal ab! Würdet ihr euch mal alle entspannen?“ Als es ruhiger wurde, murmelte er: „Es passiert immer irgendwas Seltsames, wenn wir anfangen, diese Nummer zu spielen.“ Ein zweiter Anlauf blieb ohne Zwischenfälle – nur ein Schäferhund streunte über die Bühne.

„Leute, warum kämpfen wir und wofür? Wer will sich hier prügeln?“, fragte Jagger, als ein verletzter Fan auf die Bühne gehievt wurde. „Die verdammten Angels!“, rief ein Zuschauer. Gitarrist Keith Richards zeigte auf einen Biker: „Der Typ da! Wenn der nicht aufhört! Also entweder die Typen entspannen sich oder wir spielen nicht!“

Die Band begann mit „Under My Thumb“. Neben Jagger zog ein Mann im Drogenrausch Grimassen, bis ihn ein Hells Angel aus dem Scheinwerferlicht zerrte. Auch Meredith Hunter hatte Drogen genommen. Er drängte an die Bühne, um Jagger besser zu sehen. Ein Fan erzählte dem „Rolling Stone“, wie ein Hells Angel reagierte: „Er griff ihn am Ohr und an den Haaren und zerrte ruckartig an ihm, er fand es lustig. Der Junge schüttelte ihn ab, er riss sich los.“ Daraufhin schlug der Biker ihm so heftig ins Gesicht, dass er in die Menge zurückfiel. Dann sprang er von der Bühne und attackierte ihn erneut, vier weitere Hells Angels kamen dazu.

Flucht im Helikopter

Die Menge wich zurück. Hunter rannte zu seiner Freundin, drehte sich zu seinen Verfolgern um und zog den Revolver aus der Jackentasche. Er riss den Arm über seinen Kopf, als hoffte er, der Anblick der Waffe würde die Bandenmitglieder von einem erneuten Angriff abhalten. Aus dem Nichts tauchte ein Biker auf, rammte Hunter ein Messer in den Nacken und stach noch mehrmals auf ihn ein, dann prügelten die Biker fürchterlich auf ihn ein. Als der Angriff endlich endete, hatte Hunter lebensgefährliche Stichwunden und Kopfverletzungen.

Von der Bühne aus sah Jagger nur einen Pulk Hells Angels, die einen Zuschauer angriffen. Frustriert drohte er: „Wir hauen ab, wenn diese Typen nicht aufhören, jeden in Sichtweite zu verprügeln!“ Jemand sagte, Hunter habe auf die Bühne geschossen. Die Polizei konnte für die Behauptung nie Beweise oder Zeugen finden.

Fans trugen Hunter ins Medizinzelt. „Es war offensichtlich, dass er es nicht überleben würde. Es gab keine Geräte, um ihn zu versorgen. Er musste sofort operiert werden, um einige große Blutgefäße zu reparieren. Er hätte sofort intravenöse Flüssigkeit gebraucht, nichts davon war verfügbar“, sagte Arzt Robert Hiatt dem „Rolling Stone“. Meredith Hunter starb noch auf dem Gelände.

Die Stones vollendeten ihr Set, ohne von seinem Tod zu wissen. Angesichts der Szenen vor der Bühne eilten sie zu einem wartenden Helikopter und flohen aus Altamont.

Familie sucht Toten

Hunter blieb nicht der einzige Todesfall. Im Drogenrausch raste ein Fan auf dem Heimweg in eine Gruppe Konzertbesucher. Mark Feiger und Richard Savlov, beide 22, starben. Stunden vorher war ein 19-Jähriger offenbar ebenfalls berauscht in einen Kanal gefallen und ertrunken.

Am Tag nach dem Konzert rechtfertigte Sonny Barger, Anführer der Hells Angels in San Francisco, im Radio die Gewalt. Fans hätten schließlich die Bikes der Angels getreten: „Niemand tritt einfach mein Motorrad!“ Ein Biker namens Pete erklärte: „Ich fand, dass es eigentlich ganz gut lief. Tut mir leid, diese eine Sache da.“

Weder die Veranstalter noch die Bands meldeten sich bei Hunters Familie. Ein Freund überbrachte die Todesnachricht am Telefon. Seine Angehörigen mussten mehrere Krankenhäuser und Polizeistationen abtelefonieren, um herauszufinden, wo Hunters Leiche war. Nach der Beerdigung erlitt seine Mutter einen psychischen Zusammenbruch.

Alan Passaro, der auf Hunter eingestochen hatte, wurde 1970 wegen Mordes angeklagt. Der Dokumentarfilm „Gimme Shelter“, gedreht bei der Stones-Tour, diente der Verteidigung als Beweismittel: Weil zu sehen ist, dass Hunter einen Revolver zog, plädierten die Anwälte auf Notwehr. Passaro wurde freigesprochen.