In Deutschland fehlen altengerechte Wohnungen zuhauf. Hinzu kommt: Der barrierefreie Umbau hat seine Tücken. €uro gibt Tipps für die Finanzierung.

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/loop_oh/

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Selbstbestimmt bis ins hohe Alter – so stellen sich die Deutschen ihren Lebensabend vor. Rund jeder Zweite möchte in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben und sich, wenn nötig, von Pflegediensten im Alltag helfen lassen. Allerdings leben rund 70 Prozent der über 50-Jährigen noch nicht in altersgerechtem Wohnraum. Zu diesen Zahlen kommt die Studie „Wohnen in Deutschland“, die das Allensbacher Institut für Demoskopie und die Prognos AG im Auftrag der Sparda-Banken durchgeführt haben.

Bereits heute betrifft dieses Thema viele, die Zahl der Betroffen steigt jährlich weiter an. Derzeit ist jeder zehnte Deutsche älter als 75 Jahre. Laut Prognose der Bevölkerungsentwicklung wird der Anteil in den kommenden 16 Jahren um 47 Prozent zunehmen. 2030 werden dann knapp knapp zwölf Millionen Deutsche 75 oder älter sein. Wo und wie werden diese Menschen wohnen?

Durchschnittlich 20 Stunden des Tages verbringen Senioren in ihrer Wohnung. Doch um den Traum vom selbstbestimmten Leben im Alter verwirklichen zu können, müssen die eigenen vier Wände möglichst barrierefrei sein. Denn wenn die Knie schmerzen, stellen die Stufen zum Haus oder eine Treppe zur Wohnung ein fast unüberwindbares Hindernis dar. Für Betroffene mit einem Rollator oder gar Rollstuhl sind Türen schnell zu schmal, um hindurchzukommen. Enge Räume und Schwellen zum Balkon oder zur Terrasse schränken die Bewegungsfreiheit weiter ein. Noch größere Stolperfallen lauern im Bad. In der Badewanne sind Haltegriffe nötig, die Dusche muss möglichst schwellenfrei zugänglich sein und sollte über einen Sitz verfügen. Der Waschtisch sollte höhenverstellbar sein.

Fehlende Anreize. Der Bedarf an altersgerechtem Wohnraum ist eine Herausforderung nicht nur für die Betroffenen und deren Angehörige, sondern auch für Kommunen, Bund und Länder. Es hakt vielerorts: Altersgerechte respektive barrierearme Wohnungen werden kaum gebaut. Gerade in Städten wie München oder Hamburg kommen zu wenig neue Objekte auf den Markt. Der Staat müsste Modernisierungsanreize setzen, fördert den Umbau von Bestandswohnungen aber mehr schlecht als recht. Hinzu kommt ein Imageproblem: Die potentiellen Bewohner fühlen sich selbst viel zu jung, um „seniorengerecht“ wohnen zu wollen.

Auch wenn es darum geht, den Bedarf zu schätzen, gehen die Meinungen auseinander. Laut Verbändebündnis „Wohnen 65 Plus“ fehlen in den kommenden Jahren 2,5 Millionen seniorengerechte Wohnungen. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) schätzt den bundesweiten Bestand barrierefreier Wohnungen dagegen auf 1,4 Millionen und den Bedarf auf 2,5 Millionen. Die Versorgungslücke liegt damit bei 1,1 Millionen Wohnungen. Allerdings werden 870 000 der 1,4 Millionen barrierefreien Objekte laut KDA nicht von Senioren bewohnt. „Die Versorgungslücke ist also aktuell eher höher als niedriger einzuschätzen“, heißt es im „Wohnatlas“ des KDA und der Wüstenrot Stiftung.

Die Immobilienunternehmen reagieren und passen ihren Bestand an: Die Deutsche Annington, mit über 200 000 Wohnungen einer der größten Anbieter am Markt, will in den kommenden Jahren rund 300 Millionen Euro investieren. „Allein 2014 werden mehr als 35,5 Millionen Euro eingesetzt. Um Hilfestellung zu geben wollen wir unser Serviceangebot ausbauen und 2014 mehr als 2600 weitere barrierearme Wohnungen für Senioren anbieten“, sagt Konzernsprecher Philipp Schmitz-Waters. Ziel sei es, mittelfristig deutschlandweit rund 10 000 Wohnungen barrierearm umzurüsten. Die Umbauten konzentrierten sich im Wesentlichen auf das Badezimmer: Rutschfeste Fliesen, ein erhöhtes WC und ein unterfahrbarer Waschtisch. Man prüfe stets auch den Einbau ebenerdiger Duschen und versetze nach Möglichkeit Steckdosen und Schalter auf eine für ältere Menschen angenehme Höhe.

Lebendige Nachbarschaft. Auch die Hamburger Genossenschaft SAGA GWG setzt auf barrierearmen Wohnraum. „Im Neubau wird bei SAGA GWG generell vermehrt schwellenfrei gebaut“, sagt Bereichsleiterin Ulrike Jensen. Aktuell sind von den 129 196 Wohnungen der Genossenschaft 310 Wohneinheiten barrierefrei und 2517 barrierearm. Weitere 17 400 Wohnungen sind nach Unternehmensangaben schwellenfrei erreichbar.

Zudem hat die Genossenschaft 24 Service-Wohnanlagen im Portfolio. Die dazugehörigen 2300 Wohnungen bieten „so viel Selbständigkeit wie möglich und so viel Hilfe wie nötig“, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht der SAGA GWG. Dafür kombiniert die Genossenschaft das eigenständige Wohnen mit Hilfsangeboten: Für die Bewohner werden Kultur- und Freizeitangebote organisiert und bei Bedarf Pflegedienste vermittelt. Im Hamburger Stadtteil Barmbek startete im Februar zudem das Pilotprojekt „Lena – Lebendige Nachbarschaft“, das Jung und Alt zusammenführen soll: Bis zum Herbst werden dort 70 barrierefreie Wohnungen gebaut, die an Menschen ab 60 vermietet werden. Weitere 270 Wohnungen werden modernisiert. Herzstück des Projekts ist das Rungehaus, in dessen Erdgeschoss ein Wohncafé entsteht, das den Bewohnern des Quartiers als Treffpunkt dienen soll.

Obwohl gut die Hälfte aller Deutschen im Alter eigenständig wohnen möchte, denken die wenigsten daran, ihr Heim altersgerecht umzubauen. Die Befragten der Sparda-Studie „Wohnen in Deutschland“ gaben an, beim Erwerb einer Immobilie vor allem auf Energieverbrauch und gute Raumaufteilung zu achten. Und darauf, ob sie über einen Balkon oder eine Terrasse verfügt. Nur 23 Prozent der Interviewten nannten die altersgerechte Einrichtung als Kriterium. Kein Wunder in einer Gesellschaft, in der Ruheständler „Best Ager“ oder „Golden Ager“ heißen. Da passt die „altersgerechte Wohnung“ passt nicht zum Selbstbild.

Diese Erfahrung machen auch die Makler. „Die ältere Käufergruppe will nicht auf das Thema ‚barrierearmes Wohnen‘ angesprochen werden“, sagt Frank Stolz, der den Neubau beim Hamburger Immobilienunternehmen Grossmann und Berger verantwortet. Er berichtet von einem Projekt im beliebten Hamburger Stadtteil Eppendorf: Dort sollte betreutes Wohnen mit Serviceangeboten in unmittelbarer Nachbarschaft kombiniert werden. Weil das Wohngefühl zu viel Krankenhausatmosphäre vermittelte, verzichtete das Unternehmen bewusst auf die Vermarktung des Objekts. Barrierefreie Wohnungen biete man daher nicht unter dem Label „altersgerecht“ an. „Wir vermarkten diese Objekte lieber als „modernes Wohnen““ oder „Wohnen mit Mehrwert“. Die Ausstattung ist die gleiche: breitere Badezimmertüren, bodengleiche oder flache Duschtassen und schwellenfreie Zugänge auf die Terrasse oder den Balkon“, so Stolz.

Sein Kollege Joern Olaf Ridder, der bei Grossmann und Berger den Bereich Bestandsimmobilien leitet, kennt ein weiteres Problem: „Diejenigen, die bisher dank alter Mietverträge günstig wohnen, erleben beim Umzug einen Preisschock.“ Hinzu kommt, dass viele ältere Kunden ihre vertraute Umgebung nicht aufgeben möchten. Sie wollen in der alten Nachbarschaft wohnen bleiben, möglichst in unmittelbarer Nähe zu Arzt, Supermarkt und öffentlichen Verkehrsmitteln – das macht es nicht einfacher, die passende Immobilie zu finden.

Schwache Förderung. Auch Eigenheimbesitzer stehen vor Schwierigkeiten: Anders als bei energetischen Sanierungsmaßnahmen fördert der Staat altersgerechte Umbauten eher zögerlich. Offiziell ist sich die Bundesregierung der Herausforderung bewusst: „Gerade ältere Menschen benötigen barrierefreie und -arme Wohnungen und ein Wohnumfeld, um selbstbestimmt und altersgerecht wohnen zu können“, heißt es im Koalitionsvertrag. „Zur Förderung des generationengerechten Umbaus werden wir ein neues Programm „Altersgerecht Umbauen“ auflegen, mit Investitionszuschüssen ausstatten und damit das bestehende KfW-Darlehensprogramm ergänzen.“ Wie viel Geld man für das Programm aufwenden will, darüber schweigt sich die Regierung im Koalitionsvertrag jedoch aus. Das KfW-Programm 455, das neben zinsgünstigen Krediten auch Zuschüsse zu Umbaumaßnahmen ermöglichte, ist 2011 ausgelaufen. Momentan bietet die staatliche Förderbank lediglich zinsgünstige Kredite an. Mit Darlehen aus dem Programm 159 unterstützt sie den Ersterwerb und Umbau von barrierefreiem Wohnraum. Im ersten Halbjahr 2014 förderte die KfW 12 811 Wohneinheiten mit 180 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte die Bank den Umbau von rund 11 700 Wohneinheiten mit 183 Millionen Euro unterstützt. Zuschüsse, so heißt es auf Anfrage bei der KfW, seien ab Anfang 2015 jedoch wieder geplant.

In Eigenregie umbauen. Wer selbst umbauen will, sollte frühzeitig planen und überlegen, ob zum Beispiel bei energetischen Sanierungsmaßnahmen auch gleich altengerechte Umbauten vorgenommen werden. Das kann sich lohnen, weil dafür unterschiedliche Förderprogramme in Anspruch genommen werden können. Allein schon aus Finanzierungsgründen ist die vorausschauende Organisation wichtig: Denn während Einzelmaßnahmen wie Haltegriffe oder ein Duschsitz keine großen Summen verschlingen, können der Komplettumbau eines Bades, die Verbreiterung von Türen oder der Bau einer Rampe für einen Rollstuhl schnell kostspielig werden. Wer im Ruhestandsalter keinen hohen Kredit aufnehmen will, kann das Geld für solche Maßnahmen auch mit einem Bausparvertrag ansparen (siehe Kasten Seite 115). Doch nicht jeder Tarif passt: „Anleger sollten beim Abschluss des Vetrags bedenken, dass die Umbaumaßnahmen früher als geplant fällig werden könnten“, sagt Max Herbst von der Finanzberatung FMH. Er rät deshalb zu einem Tarif, der es erlaubt, Darlehen vorzeitig zu bekomen. ebenfalls wichtig zu wissen: Im Ernstfall, etwa wenn ein Partner pflegebedürftig wird und zu Hause versorgt wird, übernimmt auch die Pflegekasse einen Teil der Kosten, die beim Umbau anfallen.

erschienen in €uro 10/2014

 


 

FÖRDERKOMPASS: Barrierefrei mit Geld vom Staat

Hier finden Sie die wichtigsten Förderangebote zum altersgerechten Umbau. Viele Darlehen und Zuschüsse können kombiniert werden. Und auch der Fiskus hilft mit.

KfW-Förderung Die Kreditanstalt für Wiederaufbau bietet mit dem Programm 159 zinsgünstige Kredite für barrierereduzierende Umbauten an. Kreditnehmer können damit beispielsweise Wege und Eingangsbereiche anpassen, Aufzüge nachrüsten oder altersgerechte Gebäudesystemtechnik einbauen. Der maximale Kreditbetrag beträgt 50 000Euro pro Wohneinheit.

Soll die Wohnung zum Standard „Altengerechtes Haus“ umgebaut werden, muss ein Sachverständiger den Umbau begleiten. Er ist beratend tätig und nimmt die Umbauten nach Abschluss der Baumaßnahmen ab. Einzelmaßnahmen können ohne fachliche Begleitung durchgeführt werden. (www.kfw.de).

Förderprogramme der Länder Günstige Kredite und Zuschüsse können auch bei den Förderstellen der Bundesländer beantragt und mit dem Förderprogramm der KfW kombiniert werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) vergibt zinsgünstige Darlehen bis zu 15 000 Euro pro Wohneinheit und fördert damit etwa den Einbau bodengleicher Duschen, eines Aufzugs ider Veränderungen beim Wohnungsgrundriss. Der Kredit muss vor Beginn der Baumaßnahmen beantragt werden (www.nrwbank.de).

Hauseigentümer könne bei der Investitionsbank des Landes Brandenburg ein Darlehen zur Nachrüstung eines Aufzugs beantragen. Der Kredit beläuft sich auf maximal 21 250 Euro je Wohneinheit. Das Darlehen ist über einen Zeitraum von 15 Jahren zinsfrei (www.ilb.de).

Die Hamburgische Investitions- und Förderbank vergibt für barriereduzierende Baumaßnahmen Zuschüsse zwischen 3000 Euro und 15 000 Euro. Mit dem Geld können beispielsweise ein Treppenlift installiert, das Badezimmer umgebaut, Türen verbreitert oder geeignete Bodenbeläge verlegt werden. Der Zuschuss wird für Eigennutzer und Vermieter angeboten (www.ifbhh.de).

Informationen zu kommunalen Fördermöglichkeiten gibt es auch bei Verbraucherzentralen vor Ort oder im Internet (www.baufoerderer.de).

Wohn-Riester Seit Beginn des Jahres kann der Wohn-Riester auch für alters- oder behindertengerechte Baumaßnahmen eingesetzt werden. Bei einem Umbau innerhalb der ersten drei Jahre nach dem Kauf einer Immobilie müssen mindestens 6000 Euro investiert werden. Liegt der Erwerb länger zurück, beträgt die Mindestinvestitionssumme 20 000 Euro. Wie bei der KfW-Förderung muss ein Experte den Umbau fachlich begleiten und abnehmen. Achtung: Der Wohn-Riester kann nicht mit dem KfW-Kredit kombiniert werden.

Pflege Erfolgt der Umbau für ein Familienmitglied, das bereits eine Pflegestufe hat, kann bei der Pflegekasse ein Zuschuss beantragt werden. Sie übernimmt pro Maßnahme bis zu 2557 Euro der Kosten. Dafür muss vor Beginn des Umbaus ein formloser Antrag eingereicht werden, in dem die Maßnahme beschrieben wird. Ein Kostenvoranschlag ist beizulegen.

Steuern Materialkosten des Umbaus kann man steuerlich nicht geltend machen, dafür erstattet das Finanzamt aber teilweise die Lohnkosten für Handwerkerleistungen. Der Fiskus zahlt bis 20 Prozent von 6000 Euro zurück, maximal 1200 Euro pro Jahr.