Seit Tagen harren Demonstranten vor dem Sitz der EZB in Frankfurt aus. Sie wollen eine andere Finanzwelt. Wie das gehen soll, wissen sie auch nicht. Aber die Zeit für eine Revolution ist reif. Ein Besuch im Camp.

Der Tag beginnt mit einem Fluch: „Mist, das Gas geht zur Neige!“ In der Camp-Küche ist man ratlos. „Die Leute, die ein Auto haben, schlafen noch. Wir brauchen aber heißen Tee und Kaffee!“ Borke, eingeteilt fürs Küchenteam im Occupy-Frankfurt-Lager, die Stimme rau vom stundenlangen Diskutieren, schnappt nach Luft. „Mach mal langsam“, wiegelt Küchenhilfe Micha ab. Zwei Minuten später ist das Problem gelöst: Ein Bewohner fährt mit Fahrrad und Anhänger los, um neues Gas zu besorgen. In eineinhalb Stunden will er zurück sein.

Es ist Tag drei im Protestlager am Willy-Brandt-Platz: Am Samstag demonstrierten Tausende von Menschen in Frankfurts Bankenviertel, rund 100 Protestler schlugen ihr Lager vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) auf. Seitdem kampieren sie auf der Wiese, verteilen Flyer und diskutieren sich die Köpfe darüber heiß, wie man die Banken und das Finanzsystem zum Besseren verändern kann. Sie wollen nicht viel mehr als Mitgefühl und Liebe – aber auch nicht weniger als eine globale Revolution.

Pressegespräche im Minutentakt

Kurz vor 9 Uhr strömen unablässig Menschen im Anzug am Lager der Frankfurter Aktivisten vorbei. Ein flüchtiger Blick auf die Campbewohner, dann verschwinden sie im Bankenturm der EZB. Die wenigen Protestler, die schon wach sind, nehmen kaum Notiz von ihnen.

Als um 9.30 Uhr die Sonne durch die Wolken bricht, kommt langsam Leben ins Camp. Immer mehr Bewohner kriechen aus ihren Zelten, hocken sich auf die Bierbänke und Klappstühle rund um die Tonne, in der unablässig ein kleines Feuer brennt. Plötzlich ist auch Wolfram Siener da. Der Sprecher der Frankfurter Bewegung schlurft in die Sonne, dann sinkt er erschöpft auf eine Bank. Er gebe gerade keine Interviews, brauche mal einige Zeit Ruhe, sagt er.

Im Minutentakt hat Siener in den vergangenen Tagen mit der Presse gesprochen. Jetzt lässt er andere reden: Martina Musig will „Frieden und Gleichheit für alle im System“. Ihr geht es nicht nur um die Banken – bei denen sei nur gerade sichtbar, dass etwas falsch läuft. Ob man die Kreditinstitute pleite gehen lassen sollte oder weiter Rettungsschirme aufspannen, dazu gebe es im Camp keine klare Meinung. Ginge es nach Musig, müsste es nicht einmal Geld geben. Einen Vorschlag für ein alternatives Zahlungsmittel hat sie allerdings nicht.

Die 26-Jährige müsste dieser Tage eigentlich in den Einführungsveranstaltungen für Erziehungswissenschaftsstudium sitzen. Stattdessen ist sie seit Samstag ununterbrochen im Camp, weil sie hier „in den vergangenen drei Tagen mehr gelernt hat als in einem kompletten Studium“. Ihr Traum ist es, so viele Unterstützer zusammenzubringen, um den ganzen Grünen Gürtel Frankfurts besetzen zu können. Momentan freut sie sich aber auch über die vielen Besucher, die täglich im Camp auftauchen, um mitzudiskutieren oder Spenden vorbeizubringen.

Der „Spirit“ im Camp

Der Spirit im Camp, da sind sich alle einig, ist grandios. Ebenso die Hilfsbereitschaft. Luke ist Kanadier und reist seit acht Monaten durch Europa. In den Zeitungen hat er über den Protest gelesen und ist von Bern nach Frankfurt gereist. Wenn er nicht unterwegs wäre, würde er in Kanada protestieren, sagt er. Jetzt nimmt er eben in Frankfurt teil. Deutsch spricht er nicht – statt an den Versammlungen teilzunehmen, macht er sich deshalb lieber nützlich.

occupy

Mittlerweile ist es kurz nach 12 Uhr, plötzlich wird es hektisch: Wenn man die Bank-Leute – wie verabredet – zum Mittagessen einladen wolle, müsse man jetzt los, um sie abzufangen. Nele ist 26, studiert Soziologiestudentin ist und junge Mutter, schnappt sich ein Holzschild und beschriftet es eilig: „Occupy Frankfurt – Herzliche Einladung – Mittagstisch.“

Mit dem Schild und einem charmanten Lächeln geht es an die Kaiserstraße. „Hallo, wir möchten Sie zum Mittagessen einladen.“ Nele und ihre Mitstreiter ernten ein Lächeln – und eine Absage.

Zwei junge Anzugträger beißen schließlich an. „Was gibt’s denn?“, fragt einer von ihnen. Obwohl die Camper ihnen nicht viel mehr als Brot, Käse und Obst anbieten können, schlendern die beiden ins Camp. Können sie die Anliegen der Demonstranten nachvollziehen? „Einige Punkte sind sicherlich verständlich.“ Die Forderungen gingen aber in so viele Richtungen, dass man nicht pauschal über den Protest urteilen könne.

Zum Mittagessen bleiben die jungen Männer dann doch nicht. „Schade“, sagt Nele, als die beiden das Camp so schnell wieder verlassen. „Aber wenigstens haben sie sich mal umgeschaut.“

erschienen 10/2011 auf ftd.de