Mikrofinanzierung war die große Hoffnung für die Armen in Indien. Doch nun droht vielen Anbietern das Aus. Ein Warnsignal für die einstige Boombranche liefert der einst umjubelte Anbieter SKS.

Der Aufstieg des indischen Mikrofinanzunternehmens SKS Microfinance war rasant: Gegründet 1997 als Nichtregierungsorganisation, drei Jahre später erste Auszeichnung fürs Geschäftsmodell, millionenschwerer Börsengang am 13. August 2010. Doch schon ein Jahr nach dem Gang aufs Parkett ist der Lack ab beim Vorzeigeunternehmen: Die SKS-Aktie, zu 935 indischen Rupien (14,5 Euro) in den Handel gegangen, ist heute gerade noch 349 Rupien wert – ein Verlust von 63 Prozent.

Die Papiere des Mikrokreditunternehmens litten unter anderem unter den Turbulenzen, die die Branche im indischen Bundesstaat Andra Pradesh vor einem Jahr erschütterten: Zahlreiche säumige Schuldnerinnen fühlten sich von den Geldsammlern der Unternehmen so unter Druck gesetzt, dass sie Selbstmord begingen. Mehr als 80 Frauen sollen sich in der Provinz im vergangenen Jahr selbst verbrannt haben, andere Kreditnehmerinnen sollen in die Prostitution gedrängt worden sein.

„Wir erleben einen Kollaps“

Um unlautere Geschäftsmethoden zu unterbinden, griff die Regionalregierung von Andra Pradesh ein und verfügte Zahlungserleichterungen für die Schuldner. Statt ihren Kleinstkredit wie bisher mit wöchentlichen Zahlungen abzustottern, müssen sie nur noch monatliche Raten entrichten.

Allerdings hatte dies verheerende Folgen für die Branche: Die Rückzahlquote brach ein, viele Investoren zogen sich zurück. Vijay Mahajan, Präsident des Microfinance Institutions Network, in dem mehr als 40 indische Mikrokreditunternehmen organisiert sind, appellierte im Herbst 2010 an die Regierung: „Wir erleben einen Kollaps. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird die Industrie in ihrer bisherigen Form untergehen.“

Mahajan erlebt den Kollaps mittlerweile am eigenen Leib: Sein Mikrofinanzunternehmen BSFL, die älteste indische Firma dieser Art und Teil der Konzerngruppe Basix, steht vor dem Aus. Im Juli warnte Mahajan, BSFL halte maximal noch drei Monate durch. Das Eigenkapital von BSFL war binnen eines Jahres von 2,3 Mrd. auf 1,2 Mrd. Rupien geschrumpft.

Mit ähnlich schlechten Zahlen kämpft SKS Microfinance. Für das erste Quartal 2011 musste das Unternehmen einen Nettoverlust von 2,1 Mrd. Rupien bekannt geben. Im Vorjahreszeitraum hatte SKS noch einen Gewinn nach Steuern von 6,6 Mrd. Rupien erzielt.

Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus

Aufstieg und Fall dieser beiden Unternehmen stehen stellvertretend für die gesamte indische Branche: In den vergangenen Jahren hatte das Geschäftsmodell, kleine Geldbeträge an arme Bürger auszugeben, einen Boom erlebt. Vor allem Frauen erhalten diese Mikrokredite, denn sie gelten als vorsichtige Unternehmer und verlässliche Rückzahler.

Ersonnen hatte die Idee Muhammad Yunus, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesh. Rund um den Globus wurde das Konzept gefeiert, nachdem Yunus mit seiner Grameen Bank dessen Funktionalität bewiesen hatte. 2006 erhielt der Vater des Mikrofinanzwesens den Friedensnobelpreis. Unternehmen nach dem Vorbild der Grameen Bank gibt es mittlerweile in allen Teilen der Welt: Indien, Afrika, Lateinamerika.

Doch nicht alle haben sich den gleichen Idealen verschrieben wie Yunus. Während es ihm im Kern um die Lösung von sozialen Problemen und die Armutsbekämpfung ging, machten indische Unternehmen wie SKS mit hohen Kreditzinsen und ihrem Streben nach Gewinnmaximierung von sich reden. Entsprechend harsch war Yunus‘ Einschätzung bei Bekanntwerden des SKS-Börsengangs: Er beschuldigte das Unternehmen, die Idee des Mikrofinanzwesens zu missbrauchen.

Seit wenigen Wochen diskutiert das indische Parlament nun über eine Gesetzesvorlage des Finanzministers: Die Regierung will eine Zinsobergrenze für Mikrokredite festlegen und das Volumen der Geldvergabe an einen Schuldner begrenzen. Die Unternehmen sollen sich außerdem behördlich registrieren. Die Schuldnerberatung soll verbessert werden.

Börsengänge von Mikrokreditunternehmen wurden bereits nach der Erstemission von SKS von der Regionalregierung vorerst verboten.

erschienen 08/2011 in der Financial Times Deutschland