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Chris Bishops Werkstatt (Foto: JL)

Auf dem East Coast Greenway können Radtouristen bald die gesamte US-Ostküste entlangstrampeln – das Umsteigen war noch nie so schön im Land der kultischen Auto-Verehrung.

Der Asphalt der Commercial Street in Boston glänzt silbrig-schwarz nach dem morgendlichen Regen. Auf dem Weg in die Innenstadt stauen sich die Autos. Pendler in Anzügen flitzen auf ihren Rädern vorbei, Studenten in Regenjacke und Jeans, ein Rentner in Sportkleidung und mit Helm auf Spritztour. Als auf dem Parkstreifen ein UPS-Transporter stoppt, rollen die Radler unbeirrt weiter – sie haben ihre eigene Spur, außen, zwischen Parkstreifen und Fußgängerweg. Ein Bordstein hindert Autofahrer daran, sie zu blockieren. Boston hat das Radfahren für sich entdeckt.

Noch 2006 kürte das US-amerikanische Bicycling Magazine die Ostküstenmetropole zu einer der abschreckendsten Städte für Radler in Amerika: keine Radwege, Schlaglöcher, rücksichtsloses Verhalten der Autofahrer gegenüber Radfahrern. Zehn Jahre später fand sie sich bereits in den Top 20, vor New Or­leans und Pittsburgh. „Aber wir wollen mindestens in die Top Ten“, sagt Gina Fiandaca, Verkehrsbeauftragte der Stadt – dorthin, wo San Francisco und Seattle ganz oben rangieren. Dafür wurden inzwischen mehr als 160 Kilometer Radwege und klare Wegführungen geschaffen, an stark befahrenen Kreuzungen halten Radfahrer in eigenen Zonen. Das 2011 gestartete Leihfahrradsystem stellt von der Innenstadt bis in die Vororte und an der Eliteuniversität Harvard rund 2000 Fahrräder zur Ver­fügung. Mehr als 14 000 Nutzer zählt es bereits. Das Ziel: In den nächsten elf Jahren soll sich die Zahl der regelmäßigen Radfahrer vervierfachen.

Der städtisch geplante Umstieg vom Auto aufs Rad folgt einer umfangreichen Bürgerbefragung, auch Reisen nach Europa, wo Fiandaca Vorzeigestädte wie Kopenhagen besuchte, trieben den Wandel an. Die 53-Jährige war beeindruckt, dass dort „die Leute einfach aufs Rad springen, wenn sie schnell etwas erledigen wollen“ – eher ungewöhnlich für Amerika. Andererseits ist die Innenstadt von Boston recht verwinkelt. Mit dem Rad kommt man hier oft besser voran als mit dem Wagen – und man findet immer einen Parkplatz. „Viele Amerikaner sind bisher allenfalls aufs Rad gestiegen, um fit zu bleiben, nicht um mobil zu sein“, sagt Fiandaca. Jetzt aber gehe es auch darum, im Sattel Spaß zu haben. Zumal der East Coast Greenway quer durch die Stadt verläuft, entlang der grünen Ufer des Charles River, bis er auf die Commercial Street trifft, die weiterführt auf die Atlantic Avenue und zum Hafen.

Viele Amerikaner sind bisher allenfalls aufs Rad gestiegen, um fit zu bleiben.

Bis 2030 soll dieser Radwanderweg auf rund 4800 Kilometern die gesamte Ostküste der USA miteinander verbinden: 15 Bundesstaaten von Maine an der Grenze zu Kanada bis nach Florida am Golf von Mexiko. Wie die Pacific Coast Bicy­cle Route an der Westküste, so vernetzt der East Coast Greenway viele Kleinstädte und ländliche Regionen mit den Metropolen. Er führt im Norden entlang schroffer Felsküsten, auf stillgelegten Bahntrassen durch Connecticut, durch Boston und Manhattan, auf dem bewaldeten Mount Vernon Trail zu George Washingtons Haus in Virginia, durch Charleston und Miami bis zu den Sandstränden von Key West. Das Ziel ist nicht, schnell voranzukommen. Es geht darum, naturnah und entspannt on the road zu sein, draußen, in Kontakt mit Wind und Sonne.

„Wer Amerika erleben will, kann das auf zwei Rädern viel besser als auf vier“, sagt Dennis Markatos-Soriano, geschäftsführender Direktor der East Coast Greenway Alliance in Durham, North Carolina. „Dabei sieht, hört und riecht man die Umgebung“, ergänzt der Mann, der dafür sorgt, dass alle Abschnitte erschlossen und ausgeschildert werden. Rund 1500 Kilometer sind bereits fertig, auf denen jährlich schon mehr als zehn Millionen Menschen radeln. Die amerikanische Begeisterung fürs Autofahren scheint auch an der Ostküste langsam abzuflauen.

Die passende Ausrüstung für die neue Fahrradkultur liefert Chris Bishop aus Baltimore. Seit 2008 baut er unter dem Label Bishop Bikes Stahlrahmen, sein Ein-Mann-Betrieb liefert bis nach Europa und Asien. Mit breitem Lächeln und lässigem Handschlag begrüßt er die Kunden und führt sie über die Keller­treppe hinab in den Shop. An den Wänden warten halb fertige Rahmen, festgezurrt in Maschinen, neben massiven Werkzeugschränken und einer Werkbank. „Der entscheidende Unterschied zwischen einem guten Rahmen und einem groß­artigen Rahmen ist Handarbeit“, sagt Bishop, der als Fahrrad­kurier etliche Räder verschliss. Er selbst verwendet nur handverlesenen Stahl und lötet die Rahmenteile, statt sie zu schweißen: „Ein gutes Rad braucht einfach Zeit, da kann man keine Abkürzungen nehmen.“

Ein Bishop Bike, egal ob sportlich oder elegant, entsteht in rund 80 Stunden Arbeit, die Rechnung dafür fällt vierstellig aus. Seine preisgekrönten leichtgewichtigen Räder im Retrostil zeigen die Einflüsse klassischer französischer Rahmenbauer, italienischer Rennradhersteller und moderner amerikanischer Radmanufakturen. Die besten Ideen kommen Bishop natürlich im Sattel. In und um Baltimore kann er auf dem Greenway sehr malerischen Flussläufen folgen, kann an kleinen Eckläden und Geschäften anhalten, wo die Leute noch Zeit für einen Schnack vor der Tür haben.

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Eingang zur Halle von „Jack The Bikeman“ (Foto: JL)

Etwa 1900 Kilometer weiter südlich erschließt der Greenway die Atlantikküste Floridas. Palmen säumen die Uferpromenade in Palm Beach, Luxusjachten dümpeln auf den Wellen. Nur eine Brücke entfernt, quasi in zweiter Reihe, liegt West Palm Beach, wo knapp die Hälfte der Einwohner Afroamerikaner und Latinos sind. Wer hier ein Fahrrad hat, besitzt damit auch einen Schlüssel zu mehr Freude und Freiheit. Das ist dann häufig das Verdienst von „Jack The Bike Man“, wie alle in der Gegend den 77 Jahre alten Jack Hairston nennen. In seinem großen Laden mit Werkstatt türmen sich in mehrgeschossigen Regalen Fahrräder in jeder Größe, alle secondhand, aber viele neuwertig. Jack selbst sieht mit seinem Rauschebart nicht nur aus wie Santa Claus, gelegentlich benimmt er sich auch so: Jedes Jahr kurz vor Heiligabend öffnet er seinen Shop für Hunderte einkommensschwache Familien aus der Region, dann bekommen die Kinder ein Fahrrad und einen Helm geschenkt. Regelmäßig spendet Hairston auch Räder an Grundschulen, die besonders hilfsbereite und fleißige Schüler damit belohnen. Der Fahrrad-Mann tut, was er kann. Alkoholikern half ein Job bei ihm, abstinent zu bleiben, Autisten, denen sonst niemand einen Job gab, packten mit an. „Wenn jemand Hilfe braucht, dann hilft man ihm“, sagt Hairston, „so bin ich erzogen worden.“

Ein kaputtes Fahrrad hat auch Jack Hairstons eigenes Leben gerettet. Jack war Suchttherapeut, bis er in eine Depres­sion fiel. Er litt unter Schmerzen, für die sich keine körperliche Ursache fand, und konnte nur mit einer Gehhilfe laufen. Oft saß er einfach bloß auf seiner Veranda und starrte in den Tag. „Und dann fährt dieser Bursche auf einem klapprigen Rad vorbei und besitzt die Frechheit, vor meinem Haus eine Panne zu haben“, erzählt Jack mit einem kichernden Lachen, das ihn schlags 60 Jahre jünger macht. Hairston humpelte mit dem Werkzeug, das auf der Veranda herumlag, zur Straße und reparierte mit wenigen Handgriffen die Bremse. Der junge Latino radelte davon. Schon am nächsten Tag baten zwei seiner Freunde Hairston um Hilfe. Bald türmten sich die Fahrräder in Jacks Garten, die Schmerzen schwanden, heute braucht er beim Gehen nur noch gepolsterte Turnschuhe. Weder Raubüberfälle noch Hurrikans oder das Alter lassen Hairston ans Aufhören denken. Zu gut erinnert er sich an das schwebende Glücksgefühl, als er mit seinem ersten Rad unterwegs war – und an die Freiheit.

(Lufthansa Magazin 02/2019)