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Winnie the Pooh und Piglet (Flickr)

Die Geschichten und die Disney-Filme um Winnie the Pooh sind Welterfolge, für Millionen Menschen eine geliebte Kindheitserinnerung. Dem Autor und seinem Sohn brachte Pu der Bär vor allem eines: Kummer.

Mit einem Seufzer wirft Christopher Robin seine Aktentasche und den Regenschirm auf die Londoner Parkbank, lässt sich darauf fallen. „Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun“, murmelt er. „Ja, was sollst du nur tun?“, kommt die Antwort von der anderen Seite. Dort sitzt sein alter Spielgefährte Winnie the Pooh.

Der längst erwachsene Christopher Robin fürchtet für einen Moment um den Verstand: Seine Frau hatte ihn ja gewarnt, dass der Stress im Job ihn auffresse und er das Leben mit seiner Familie verpasse. „Ich bin nicht mehr, wer ich einmal war. Ich bin verloren“, gesteht Christopher Robin dem Bären. „Du musst dich daran erinnern, wer du warst“, entgegnet Winnie the Pooh.

Zusammen mit Poohs Freunden Tigger, Piglet und Eeyore machen sie sich im neuen Disney-Film „Christopher Robin“ auf in ein Abenteuer. Es ist der jüngste Coup des Millionenkonzerns, für den Winnie the Pooh eine Goldgrube ist. Die Geschichten um die Abenteuer des Bären und seiner Freunde verkaufen sich bis heute jährlich millionenfach und wurden weltweit in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Im Film, der am 16. August in den deutschen Kinos anläuft, lernt der erwachsene Christopher Robin, dargestellt von Ewan McGregor, von seinen Kindheitsfreunden, worauf es im Leben wirklich ankommt. „Christopher kommt immer, um uns zu retten. Jetzt ist es an uns, ihn zu retten“, sagt Pu der Bär im Film.

Der echte Christopher Robin dagegen wollte Winnie the Pooh so weit wie nur möglich aus seinem Leben verbannen, flüchtete regelrecht vor ihm und brauchte beinah sein ganzes Leben zur Versöhnung. Der Bär wurde für ihn zum Albtraum. Die Kinderbuchfigur trieb einen tiefen Keil zwischen Christopher Robin Milne und seinen Vater, Pooh-Erfinder Alan Alexander Milne.

Kuschelteddy als Inspiration

Selbst für den Autor wurde der Bär zum ungeliebten Anhängsel. Pooh machte Milne zwar reich, engte ihn schöpferisch jedoch bis ans Lebensende ein. Die vier Bücher mit Reimen und Kurzgeschichten, die er zwischen 1924 und 1928 verfasste, sollten seine restliche Karriere in den Jahrzehnten danach überschatten.

Alan Alexander Milne, geboren 1882 in Kilburn bei London, hatte schon früh zu schreiben begonnen und war mit Theaterstücken und einem Detektivroman ein aufstrebender Schriftsteller, als er 1914 in den Ersten Weltkrieg zog. Milne kämpfte in der Schlacht an der Somme, einem der blutigsten Gefechte des Krieges. Er sah Hunderte Kameraden sterben und wurde selbst schwer verletzt. Tief traumatisiert kehrte er aus dem Krieg zurück, die Heilung sollte physisch wie psychisch Jahre dauern.

1920 wurde sein Sohn Christopher Robin geboren. Milne arbeitete als Redakteur für das Satiremagazin „Punch“, die Rückkehr zum kreativen Schreiben fiel ihm zunächst schwer. Aus einer Laune heraus griff sich Milne eines Abends Stift und Papier und kritzelte die Verse für „Vespers“ nieder, das in Reimform das abendliche Gebet seines Sohnes behandelt.

„Little Boy kneels at the foot of the bed
droops on the little hands little gold head
Hush! Hush! Whisper who dares
Christopher Robin is saying his prayers.“

Der Autor selbst hielt das Gedicht für banal und überließ es seiner Frau Daphne: Sie dürfe das Geld behalten, wenn sie einen Abnehmer dafür finde. Daphne verkaufte den Vers an „Vanity Fair“ – schon bald bekam Milne Anfragen für weitere Gedichte.

Die leichten, sorgenfreien Verse trafen nach dem Ersten Weltkrieg einen Nerv: Die Menschen wollten seichte Unterhaltung; unschuldige Kinderreime bedienten diese Sehnsucht.

Zur Inspiration verhalf Milne der Teddybär seines Sohnes. Gekauft hatte er das Kuscheltier nach einem Besuch im Londoner Zoo, wo sie die Schwarzbärin „Winnie“ bewunderten. Der Name der echten Bärin und das Stofftier in den Armen seines Sohnes dienten dem Schriftsteller als Vorlage für Winnie the Pooh. Und die menschliche Hauptfigur im Buch benannte er kurzerhand nach seinem vierjährigen Sohn Christopher Robin.

Der Geist war aus der Flasche

1924 erschien Milnes erste Geschichtensammlung um Winnie the Pooh und seine Freunde. Illustriert mit den einfachen und doch delikaten Zeichnungen von E.H. Shepard, einem „Punch“-Kollegen, verkaufte sich das Buch „When we were very young“ bis Ende des Jahres 150.000 Mal.

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A. A. Milne, Christopher Robin und sein Teddybear (Flickr)

Der Überraschungserfolg brachte auch Milnes Sohn ins Rampenlicht: Die Öffentlichkeit wollte den echten Christopher Robin sehen. Milne ahnte nicht, welchen Geist er damit aus der Flasche ließ. Der Junge erhielt Unmengen an Fanpost und antwortete mithilfe seiner Nanny persönlich. Als Siebenjähriger vertonte er eine Aufnahme des Buches, gab Interviews, war auf unzähligen Fotos mit seinem Vater zu sehen. Mit acht Jahren trat er vor 350 Gästen auf, um Zeilen aus dem Buch zu lesen und ein Lied vorzutragen.

Der frühe Ruhm begeisterte den jungen Christopher Robin zunächst – und ängstigte seinen Vater. Schon vier Jahre nach dem ersten Band erschien mit „The House at Pooh Corner“ der letzte Teil der Reihe. Milne machte Schluss mit Winnie the Pooh, die Aufmerksamkeit für seinen Sohn war ihm unheimlich geworden. „Ich will nicht, dass Christopher Robin Milne jemals wünscht, sein Name sei Charles Robert“, schrieb er in seinen Aufzeichnungen.

Die Reue kam zu spät. Im Internat begann für Christopher Robin 1930 die schlimmste Phase seiner Kindheit. Seine Schulkameraden verspotteten den schüchternen Jungen unentwegt, dichteten die Reime zu Hohn-Versen um. Als liebste Folter spielten sie die Platte mit der von ihm gesprochenen Aufnahme. In seiner Autobiografie schrieb er, dass seine Schulkameraden ihm die Platte schließlich aushändigten, als ihnen der Spaß langweilig wurde. Er schmiss sie auf den Boden und zertrampelte sie.

Nach 50 Jahren endlich Frieden

In Scherben lag bald auch die Beziehung zum Vater. Nach Schule und College fand Christopher Robin keine Richtung in seinem Leben, die Schuld gab er seinen Eltern. „Mir kam es beinahe so vor, als sei mein Vater zu seinem Ruhm gekommen, indem er auf meine Säuglings-Schultern stieg; dass er meinen guten Namen gestohlen hatte und mich mit nichts als dem leeren Ruhm zurückgelassen hatte, sein Sohn zu sein“, schrieb er 1974 in seiner Autobiografie „Enchanted Places“. Später erzählte er einem Zeitungsreporter: „Ich hatte keine besondere Ausbildung. Mein Name war überall auf der Welt bekannt, aber es war für mich unausstehlich, überall nur als der Sohn meines Vaters bezeichnet zu werden.“

Die ersehnte Befreiung brachte ausgerechnet der Tritt in die Fußstapfen seines Vaters: Nachdem er sich ebenfalls zum Kriegsdienst gemeldet hatte, kapselte sich Christopher Robin nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg von den Eltern ab. Er heiratete seine Cousine Lesley de Sélincourt, zog mit ihr in den südwestlichsten Zipfel Englands und eröffnete einen Buchladen.

Seinen Vater sah er nur noch selten. A. A. Milne haderte mit den eigenen Dämonen: Nach dem Riesenerfolg der Kinderbücher wollte sich der Autor neuen Schreibformen zuwenden, doch seine Leser akzeptierten ihn nicht mehr als Roman- oder Drehbuchautor. Er blieb bis ans Lebensende 1956 verbittert.

Nach dem Tod der Eltern verarbeitete Christopher Robin seine Kindheitserlebnisse in der Autobiografie – das Schreiben sah er selbst als Therapie. Mit fast 60 Jahren konnte er endlich mit Winnie the Pooh abschließen und ohne Groll auf die Kreation seines Vaters blicken. Lange hatte er sich geweigert, Lizenzgebühren für die Bücher anzunehmen, und akzeptierte dann doch einen Teil des Geldes, um damit einen Fonds für seine schwer kranke Tochter Clare anzulegen, die an zerebraler Lähmung litt und teure medizinische Versorgung brauchte.

Erst fünf Jahrzehnte nach Entstehung von Winnie the Pooh machte Christopher Robin endlich Frieden mit seinem Kindheitsfreund: „Unglaublich, aber wahr – ich kann diese vier Bücher anschauen, ohne zusammenzuzucken. Tatsächlich mag ich sie sehr gern“, sagte er 1980 in einem Interview.

(einestages, Spiegel Online)