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Public Enemy in Asbury Park, N.J. (Flickr)

Johnny Cash machte es einst vor, Public Enemy zogen vor 30 Jahren nach und traten als erste Hip-Hop-Gruppe in einer Haftanstalt auf. Die New Yorker Gefängnisleitung unterschätzte allerdings ihre politische Wucht.

Viel zu heiß und stickig war es in der Sporthalle von Rikers Island, der Gefängnisinsel im New Yorker Hafengebiet. Der Geruch von Körperpuder hing schwer in der Luft. 250 Insassen schwitzten an diesem Nachmittag des 12. August 1988 auf unbequemen Stühlen, als vier martialische Männer in schwarzen Uniformen auf die Bühne stapften. Im Stechschritt marschierten sie auf und ab – nur die Plastikgewehre, die sie sonst bei sich führten, fehlten. Ihr Wortführer Professor Griff wandte sich an die Menge: „Public Enemy findet, dass Amerika ein einziges großes Gefängnis ist. Wir wollen, dass ihr fühlt, was wir fühlen.“

Auftritt Chuck D, Flavor Flav und DJ Terminator X. Chuck D trug schwarz, Terminator X war hinter seinem DJ-Pult und seiner riesigen Sonnenbrille gewohnt unnahbar. Flavor Flav fiel wie immer auf mit seiner Riesenuhr um den Hals, dem knallroten Jogginganzug und weißen Sneakers.

Umringt von Kameraleuten legte die Gruppe los und performte für 250 Häftlinge, dazu rund 30 Aufseher und 100 eingeladenen Journalisten. Nicht alle waren beeindruckt. „30 Sekunden, nachdem Public Enemy die Bühne betreten hatten, konnte ich nicht anders, als die Häftlinge zu bemitleiden. 200 oder mehr der hässlichsten Kerle – Typen, vor denen man in Horror schreiend wegrennen würde, wenn man ihnen draußen begegnen würde. Typen, die aussehen, als würden sie dich für deinen Zahnstocher umbringen. Aber selbst dieser Abschaum hatte es nicht verdient, der Folter von Public Enemy ausgesetzt zu werden“, nölte Musikjournalist Legs McNeil in der Zeitschrift „Spin“, voller Verachtung für die Gefangenen wie für die Rap-Crew.

Kokettieren mit dem Outlaw-Image

Public Enemy waren keineswegs die erste Band, die im Gefängnis spielte. Knastkonzerte dienten schon ab den Fünfzigern nicht allein der Erheiterung der Insassen, sondern auch als PR-Maßnahme. So begründeten die Auftritte von Johnny Cash in Folsom Prison und St. Quentin 1968 sein fulminantes Comeback und gingen in die Musikgeschichte ein – auch wegen eines ikonischen Fotos, auf dem der „Man in Black“ den Mittelfinger zeigte. Von beiden Konzerten erschienen außerdem gefeierte Liveaufnahmen.

Auch Entertainer wie Frank Sinatra, Aretha Franklin, Carlos Santana und die Rockband Grateful Dead traten hinter Gittern auf. Aber vor allem der Riesenerfolg von Cash hallte noch Jahrzehnte nach. Andere Musiker hofften auf ähnliche Resonanz, nahmen Gefängniskonzerte für Albumveröffentlichungen auf, kokettierten zugleich mit einem Outlaw-Image. Metallica beispielsweise spielten 2003 in St. Quentin und drehten dort das Video zum Song „St. Anger“ für ihr gleichnamiges Album.

Johnny Cash hielt sich außer einer Beschwerde über die Qualität des Trinkwassers in Folsom Prison mit kritischen Bemerkungen zurück; Stars wie Sinatra oder Santana wollten unterhalten. Public Enemy dagegen ging es um Politik. Sie beschworen in ihren Texten den Kampf gegen Rassismus und die Unterdrückung der Schwarzen, protestierten gegen die Politik von Ronald Reagan. Public Enemy waren die erste Hip-Hop-Gruppe, die je in einem Gefängnis auftrat und politische Themen an ein Publikum herantrug, das genau wusste, wovon die Songtexte handelten.

Public Enemy, formiert 1982 um Carlton Ridenhour alias Chuck D, waren von Beginn an politisch geprägt. In seiner frühen Kindheit erlebte Chuck D, Jahrgang 1960, große Zäsuren mit. „Ich war in der ersten oder zweiten Klasse, der Präsident war gerade fünf Jahre zuvor erschossen worden. Die Ermordung von Malcolm X, als ich fünf war, dann Martin Luther King, als ich acht war. In den Sechzigern aufzuwachsen hat uns eine total andere Welt vor Augen geführt als jemandem, der 1970 geboren wurde“, sagte er in der BBC-Doku „Prophets of Rage“.

Unnachgiebig, hart und laut – der Sound von Public Enemy

Seine ersten Raps bescherten ihm eine Rolle als dauerhafter MC bei der Gruppe Spektrum City. Bald stieß sein Freund Flavor Flav dazu; mit der Aufnahme von DJ Terminator X wurden sie zu Public Enemy. Bald wurde Erfolgsproduzent Rick Rubin aufmerksam, der bei seinem Label Def Jam schon zwei der heißesten Namen im Hip-Hop unter Vertrag hatte: die Beastie Boys und Run DMC.

Im Januar 1987 erschien Public Enemys Debütalbum „Yo! Bum Rush the Show“. Sound und Texte waren außergewöhnlich. Unnachgiebig, hart und laut – so klangen sie. Ausdauernd kombinierte das Produktionsteam, genannt „The Bomb Squad“, bis zu 15 Samples von anderen Songs; üblich waren bis dahin zwei oder drei.

Bereits im Jahr darauf fegte ihr zweites Album „It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back“ wie ein Tornado durch die Hip-Hop-Welt. Der Auftaktsong „Bring the Noise“ mit Kritik an Zensur, Korruption und der US-Regierung wurde zu einem der meistgesampelten Songs der Musikgeschichte. „Night of the Living Baseheads“ ist eine Hip-Hop-Hymne gegen Crack. „Rebel Without a Pause“ bohrte Attacken auf die Regierung per Sirenensound in die Zuhörerohren. Ronald „Kahlis“ Bell von Kool and the Gang nannte es „Krach mit Charakter: dieser Teekessel oder was auch immer dieses Geräusch im Hintergrund ist“.

In nur sechs Wochen wurde die Platte 750.000-mal verkauft. Public Enemy waren jetzt so populär, dass die Gefängnisleitung in Rikers einem Auftritt zustimmte. Sie strebte sogar „zwei bis drei Shows pro Monat“ an, nicht nur mit Public Enemy, sondern auch mit anderen Bands, berichtete damals der Musikkritiker der „New York Daily News“.

Dass die Formation stark politisierte Texte im Repertoire hatte, etwa den Song „Black Steel in the Hour of Chaos“, der von einer gewaltsamen Knastrevolte handelt – es schien der Gefängnisleitung zunächst durchzugehen. Als ein Journalist im Vorfeld danach fragte, schrillten auf Rikers Island alle Alarmglocken: Die Leitung wollte den Gig in letzter Minute absagen. Eilig versicherte das Management, die Band werde auf diese Nummer verzichten.

Black-Panther-Fäuste machten die Aufseher unruhig

Nachdem sie eine Liste mit Songs und Regeln erhalten hatten, betraten Public Enemy am Nachmittag des 12. August die Bühne mit einigen ihrer bekanntesten Songs wie „Rebel Without A Pause“, „Bring the Noise“ und „Don’t Believe the Hype“. Dazwischen hielten die Rapper abwechselnd längere Ansprachen. Flavor Flav redete über den Kokainbesitz, der ihn einst selbst hinter Gitter brachte, und warnte die Anwesenden: „Wenn ihr rauskommt, denkt über die Zukunft nach – denn in diesem Drecksloch gibt es keine Zukunft.“

Die Gruppe sprach ebenso über die Stärke einer vereinten schwarzen Front; Public Enemy waren Anhänger der Nation of Islam und des höchst umstrittenen Anführers Louis Farrakhan. „Schwarze Männer und Frauen werden wie der letzte Dreck behandelt“, wetterte Chuck D auf der Bühne. „Man unterzieht uns einer Gehirnwäsche, um uns zu lehren, uns nicht selbst zu respektieren. Man muss die Regeln dieses Spiels verstehen, damit wir nicht in die Fallen tappen und zu solch beschissenen Orten wie diesem zurückkommen!“

Als Public Enemy das Publikum dazu aufriefen, aufzustehen und die Fäuste in Black-Panther-Manier gen Himmel zu recken, wurden die Wachen unruhig. Nach einer Ansage nahmen die Häftlinge brav wieder auf ihren Stühlen Platz.

Der einstündige Auftritt und das Album waren für Public Enemy Erfolge. 1989 folgte allerdings ein Debakel, als Professor Griff mit antisemitischen Äußerungen Schlagzeilen machte. Chuck D setzte ihn vor die Tür und musste sich in den Folgejahren wiederholt selbst gegen Antisemitismus-Vorwürfe wehren; seit 1998 ist Griff wieder dabei.

Flavor Flav sollte 14 Jahre nach seinem Auftritt mit Public Enemy nach Rikers Island zurückkehren: 2002 verbrachte er dort neun Wochen – wegen Fahrens ohne Führerschein, einem Haufen unbezahlter Strafzettel und weil er zu spät bei seinem Bewährungshelfer aufgetaucht war.

(einestages, Spiegel Online)