Ein US-Anwalt kaufte ein uraltes Foto auf dem Trödel – es ist wohl Millionen wert: Billy the Kid mit dem Sheriff, der ihn erschoss. Die Geschichte dieses Revolverhelden zählt zu den Lieblingslegenden der Amerikaner.

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Das Gerichtsgebäude, aus dem Billy The Kid die Flucht wagte (Flickr)

Soeben hatte sich Hilfssheriff Bob Olinger am 28. April 1881 zum Abendessen niedergelassen, da zerrissen drei Schüsse die Stille in Lincoln. Im Gefängnis gegenüber bewachte sein Kollege J.W. Bell allein den Gefangenen. „Die kämpfen da drüben“, entfuhr es Olinger. Er hastete über die staubige Straße und passierte gerade das Tor zum Hof, als er einen Ruf hörte: „Hallooooo, Bob!“ Olinger blickte nach oben – in den Lauf seiner eigenen Schrotflinte. Dann trafen ihn Schrotladungen in Kopf und Brust.

Im Gefängnis lag J.W. Bell tot am Boden. Mit den schweren Handschellen hatte der Gefangene ihm den Schädel zertrümmert, dann durchschlug eine Kugel aus dem eigenen Revolver den Körper des Hilfssheriffs; sterbend fiel er dem alten Gefängniskoch in die Arme. Der Gefangene sprang auf ein Pferd und ritt aus der Stadt.

Dieser Ausbruch machte Billy the Kid zur Legende, die blutigen Details beschrieb kurz darauf „Newman’s Semi-Weekly“. Bereits mit knapp 20 Jahren bekam er als Viehdieb und Killer einen Platz in der Riege berüchtigter Wild-West-Revolverhelden wie Jesse James, Doc Holliday, Wyatt Earp oder Calamity Jane. Als er im Juli 1881 von Sheriff Pat Garrett erschossen wurde, schrieb die „New York Times“, sein Tod sei für die Bürger eines der glücklichsten Ereignisse seit Jahren.

Zeitungen porträtierten ihn als schießwütigen Desperado, der für jedes seiner 21 Lebensjahre einen Menschen getötet habe. Nachweisbar sind vier. Das Bild eines kaltblütigen Mörders verfestigten Sheriff Garretts Buch „Das wahre Leben von Billy the Kid“, etliche Groschenromane und Filme wie „Pat Garrett jagt Billy the Kid“.

Mehr wusste auch Frank Abrams nicht, als er vor sechs Jahren zehn Dollar auf dem Trödel ausgab: Der Anwalt in North Carolina bekam das Bild von fünf Cowboys, gerade richtig als Deko für sein Gästezimmer, das er über Airbnb vermietete. Dort hing es jahrelang kaum beachtet.

Unschuldige Erscheinung, aber gefährlich

Bis Abrams eine Doku über ein anderes Foto sah, ebenfalls vom Flohmarkt – es zeigt Billy the Kid angeblich 1878 beim Krocketspiel und hat heute einen Schätzwert von fünf Millionen Dollar. Da fiel dem Strafverteidiger auf seinem Bild der Sheriff auf: „Oh mein Gott, das ist Pat Garrett“, erinnerte er sich in einem TV-Interview an seine Reaktion.

Sein Bild ist eine „Ferrotypie“, ein in den frühen Tagen der Fotografie preiswertes Verfahren auf Eisenblech. Von Abrams konsultierte Experten kamen zu dem Schluss, dieses Foto zeige tatsächlich Pat Garrett – aber auch Billy the Kid selbst. Der Desperado mit dem Mann, der ihn zur Strecke brachte: sensationell. Sofern das stimmt, ist der Flohmarktfund Millionen wert, somit eines der teuersten Fotos der Welt.

Anwalt Abrams begann sich mit Billy the Kids Lebensgeschichte zu beschäftigen – die ist so mythenumwoben wie die Wüste New Mexicos staubverhangen. „In seiner Erscheinung war Billy eine der sanftesten Personen, die man sich vorstellen konnte“, schrieb die „New York Times“ nach seinem Tod 1881. „Doch trotz seiner unschuldigen Erscheinung war er eine der gefährlichsten Personen, die dieses Land je hervorgebracht hat.“

Die meisten Historiker stimmen überein, dass er 1859 in New York als Henry McCarty zur Welt kam. Über den Vater ist nichts bekannt, nur über einen Bruder namens Joseph. Henry wurde von seiner Mutter Cathy aufgezogen. Als Goldfunde bei Hunderttausenden Siedler Hoffnung auf eine glänzende Zukunft weckten, verließen auch die McCartys New York gen Westen und ließen sich, nach der Zwischenstation Wichita, im staubig-heißen Silver City in New Mexico nieder.

Mit 15 schon als Räuber gesucht

Cathy heiratete den Tagelöhner William Antrim. Henry war fasziniert von der rauen Schönheit der Gegend und der Kultur, stark geprägt von Mexikanern und Mescalero-Ureinwohnern. Oft zog es ihn in den Hispano-Bezirk Chihuahua Hill. Bald sprach er fließend Spanisch und tanzte Fandango mit den Mädchen.

1874 starb seine Mutter an Tuberkulose, der Stiefvater gab nicht viel auf den Jungen, der sich in Saloons herumtrieb und dubiose Gestalten kennenlernte. Der Gelegenheitsdieb Sombrero Jack überredete ihn zum Schmierestehen bei einem Wäschereiraub. Prompt wurde Henry mit einem Teil der Beute erwischt, konnte sich aber durch einen Gefängnis-Schornstein quetschen und flüchten. Mit kaum 15 Jahren landete er auf der Fahndungsliste.

Zu Fuß floh Henry durch die Wüste ins benachbarte Arizona, wo er sich einer Bande von Kartenspielern und Pferdedieben anschloss. Sie verpassten ihm den Spitznamen „The Kid“. Um sich Respekt zu verschaffen, kaufte er seinen ersten Revolver – und schoss, als ihn Frank „Windy“ Cahill nach einem Streit im Saloon zu verprügeln begann. Cahill starb an einem Bauchschuss. Henry hätte auf Notwehr plädieren können, ritt aber lieber zurück in seine Heimat.

In New Mexico änderte er seinen Namen in William H. Bonney. Sein Spanisch und sein charmantes Auftreten erwiesen sich auf der Flucht als hilfreich: Die Mexikaner gewährten ihm Unterschlupf. Er schlug sich mit Vieh- oder Pferdediebstahl durch und wurde erwischt. Doch statt Billy als Dieb im Gefängnis versauern zu lassen, heuerte Viehzüchter John Tunstall ihn an: Der junge Brite brauchte angesichts der erdrückenden Konkurrenz der irischen Geschäftsmänner Lawrence Murphy und James Dolan Hilfskräfte.

Bandenkrieg auf offener Straße

Um Tunstall aus dem Weg zu räumen, war Murphy und Dolan jedes Mittel recht – sogar ein Mordkomplott mit dem örtlichen Sheriff William Brady. Der heuerte eine Kriminellentruppe als Hilfssheriffs an und konfiszierte mit einem hanebüchenen Gerichtsbeschluss sämtliche Rinder und Pferde der Tunstall-Ranch. Als Tunstall Widerspruch einlegen wollte, wurde er am 18. Februar 1878 vom Pferd geschossen.

Billy schwor Rache für den Mord an dem Mann, der ihm eine zweite Chance gegeben hatte. Als „die Regulatoren“ wollten er und andere Männer von Tunstalls Ranch den Geschäften von Murphy und Dolan ein Ende bereiten. Am 1. April 1878 erschossen sie den korrupten Sheriff auf offener Straße in Lincoln – und danach machten beide Banden Jagd aufeinander. Diese Monate der Gesetzlosigkeit wurden als „Lincoln County Rinderkrieg“ bekannt.

Zwischen den Gefechten versteckte Billy sich immer wieder bei mexikanischen Bauern. Sie sahen ihn als Helden – weil er gegen Gauner kämpfte, die Kleinbauern unterdrückten und Land stahlen, um damit bei Viehzucht, Eisenbahnbau oder Goldsuche Profite zu machen.

Die Gewalt nahm überhand, Washington griff ein. Als neuer Gouverneur von New Mexiko sollte Lew Wallace den Bandenkrieg beenden und suchte in Lincoln County Zeugen, um die Schuldigen vor Gericht zu stellen. Im Gegenzug versprach er eine Amnestie für eigene Verbrechen der Zeugen.

Tödlicher Schuss aus dem Dunkel

Billy bot seine Hilfe an – er hoffte auf Begnadigung im Mordfall William Brady. Doch der Gouverneur verschwand nach dem Prozess, Billys Begnadigung wurde nie rechtskräftig. Im Hinterland nahm eine Farmerfamilie in Fort Sumner ihn auf. Dort soll er sich in Paulita Maxwell, Tochter des Hauses, verliebt haben.

Lincoln County hatte unterdessen einen neuen Sheriff: Pat Garrett versprach den Bürgern, gegen Gesetzlose vorzugehen und die Ordnung wiederherzustellen. Einst in New Mexico soll er auch Billy the Kid kennengelernt und sich sogar beim gemeinsamen Spiel in Bars mit ihm angefreundet haben. Was den späteren Flohmarktfund erklären würde, jenes auf den 2. August 1880 datierte Foto, das beide zusammen mit drei anderen Männern zeigt.

Im Dezember 1880 nahm Garrett die Verfolgung von Billy auf. Er konnte ihn aufspüren und mit einer List zur Aufgabe zu bewegen. Das Gericht verurteilte Billy am 9. April 1881 wegen Mordes an Sheriff Brady zum Tod am Galgen.

Nachdem Billy am 28. April 1881 aus dem Gefängnis ausbrach und dabei die beiden Hilfssheriffs tötete, suchte er abermals Zuflucht bei Paulitas Familie in Fort Sumner, wurde aber verraten. Im Dunkel des Schlafzimmers legte Pat Garrett sich auf die Lauer. Billy bemerkte einen Schatten und fragte auf Spanisch: „Wer ist da?“ Garrett antwortete mit einem Schuss. Billy the Kid starb in der Nacht des 14. Juli 1881. Diesmal war er unbewaffnet.

So jedenfalls geht die Legende von Billy the Kid, manches davon ist umstritten oder wenig gesichert. Und Glückspilz Frank Adams hat auf dem Trödelmarkt eines der wenigen vermutlich authentischen Fotos erworben – womöglich gar die letzte Aufnahme. Zum Spaß erzählte er seinen Gästen stets, darauf sei Jesse James zu sehen, ein anderer berühmter Gesetzloser. Einige Historiker sind nun überzeugt: Es ist Billy the Kid.

Abrams bezeichnete das Bild als „unbezahlbar“ und hat es mit einem möglichen Verkauf nicht eilig. „Ich liebe Geschichte“, sagte er der „New York Times“, „es ist ein Privileg, so etwas zu besitzen.“ An der Wand seines Gästezimmers hängt das Foto nicht mehr – Abrams verwahrt es jetzt in einem Safe.