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Beatriz Basaldua vor ihrem Haus (JL)

Viele Flutopfer in Houston stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Trotz beginnendem Wiederaufbau ist die Normalität weit entfernt. Und manche wollen nun vom Unglück der Betroffenen profitieren.

Die Feuchtigkeit legt sich wie ein Film auf die Haut, sobald man das Haus von Federico Salas betritt. In jedem Raum summt ein Industrietrockner oder ein Ventilator, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Es riecht nach Bleiche. Jedes freigelegte Stück Holz hat Salas damit eingesprüht, um dem Schimmel keine Chance zu geben.

„Jetzt müssen wir einen vertrauenswürdigen Handwerker finden“, sagt Salas, als er sich in seinem Haus umsieht. Alle Holz- und Trockenbauplatten hat er zusammen mit Helfern von den Wänden gerissen. Stromkabel baumeln in den freigelegten Wänden. Das Haus sieht im Inneren aus wie ein Rohbau. Draußen begutachtet der Versicherungsvertreter den Schaden.

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Federico Salas (r.) mit Sohn Sebastian in seinem Haus in Greater Inwood, Houston (JL)

Die Salas-Familie lebt in Greater Inwood im Nordwesten von Houston, nur einen Block vom White Oak Bayou entfernt. Der Fluss macht die Wohngegend sehr attraktiv – doch vor knapp zwei Wochen zeigte er seine hässliche Seite. Nachdem Hurrikan „Harvey“ Rekord-Regenmassen über Houston entladen hatte, traten sämtliche Flüsse der Stadt über die Ufer.

Die Wassermassen waren so schwer, dass die Stadt um rund zwei Zentimeter sank. „GPS Daten zeigen, dass sich die Erdkruste unter Harveys Flutmassen durchbog“, twitterte Chris Milliner, Wissenschaftler am Jet Propulsion Laboratory der US-Weltraumbehörde Nasa. Mit dem Abfluss des Wassers soll sich das Phänomen rückgängig machen.

n Greater Inwood drang das Wasser des White Oak Bayou in sämtliche Häuser der umliegenden Wohnsiedlung ein und stieg innerhalb von drei Stunden 90 Zentimeter hoch.

Die Flutopfer beginnen jetzt mit dem Wiederaufbau. Es ist auch die Stunde der Geldmacher und Betrüger. Müllsammler ziehen die wenigen Dinge aus den Schrotthaufen, die noch zu Geld zu machen sind. Windige Handwerker versuchen Flutopfer zu teureren Reparaturen zu überreden als notwendig. Ein Immobilienhai im knittrigen Anzug fährt in seinem verbeulten Auto durch die Nachbarschaft, um Anwohnern ihr Haus billig abzuschwatzen.

Salas wird wohl viele der Arbeiten an seinem Haus selbst ausführen. Er hat unerwartet viel Zeit für den Wiederaufbau: Im Juli hat er seinen Job gekündigt, um sich selbstständig zu machen. Am 31. August war offiziell sein letzter Arbeitstag – vier Tage, nachdem „Harvey“ Houston in eine Wasserlandschaft und die Straße vor seinem Haus in einen Fluss verwandelt hatte. An eine Unternehmensgründung ist gerade nicht zu denken.

Familienpiano auf dem Schutthaufen

„Ohne die Hilfsbereitschaft unserer Freunde und Kirchenmitglieder wären wir aufgeschmissen“, sagt Salas. Sein Schwager fuhr mit dem Auto von San Diego nach Houston, um Werkzeuge und Ventilatoren zu bringen. Zahlreiche Kirchenmitglieder halfen der Familie beim Ausräumen des Hauses.

Jetzt lagert der gesamte Besitz der Familie Salas im Vorgarten. Hunderte Bücher aus der Bibliothek: Teil des Schutthaufens. Das Familienpiano: Teil des Schutthaufens. Das sündhaft teure Bett mit verstellbarer Rückenlehne und Massagefunktion, das sich Salas wegen seiner Rückenschmerzen gegönnt hatte: Teil des Schutthaufens. Die vier Autos, mit denen die Familienmitglieder zur Arbeit und zum College fahren: alle verloren.

Überall in der Nachbarschaft reiht sich Schutthaufen an Schutthaufen. Beatriz Basaldua marschiert mit einer Sprühdose in ihren Vorgarten und schreibt auf eines der aufgequollenen Holzbretter: „Säcke nicht öffnen“. Müllsammler hatten sich durch ihre nasse Habe gewühlt. Es reichte ihnen nicht, das Sofa mitzunehmen. Sie hatten die Spielzeuge und Kuscheltiere ihrer Kinder eingepackt, die Basaldua trocknen und retten wollte. Auch ihre geliebte Weihnachtsdekoration ist verschwunden.

Basaldua lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und ihrer Mutter in einem der wenigen Häuser, die ein zweites Geschoss haben. Sie konnten einiges ins Obergeschoss retten. „Ich habe Angst, dass diese Leute irgendwann nicht mehr in unserem Vorgarten Halt machen, sondern einfach ins Haus marschieren“, sagt sie.

In der Garage hat sie Urkunden aus ihrer Schulzeit gefunden, die sie im Vorgarten in der Sonne trocknet. Die Videokassetten aus ihrer Jugend sind dagegen nicht mehr zu retten. Basaldua wartet auf den Gutachter des Katastrophenschutzes Fema, der sich für den Nachmittag angekündigt hat: Er wird die Wasserschäden im Haus und den Müllhaufen vor dem Haus dokumentieren. Wer eine Flutversicherung hat, durchläuft den gleichen Prozess mit dem Versicherungsgutachter. Fema und die Versicherung verständigen sich über die Schadenshöhe, erst dann werden Entschädigungen ausgezahlt.

Wie lange das dauert, weiß niemand genau. „Ich zwinge mich dazu, mich nur auf den jeweiligen Tag zu konzentrieren“, sagt Basaldua. Es bringe nichts, sich verrückt zu machen, man müsse die Probleme Schritt für Schritt angehen. Oberste Priorität für sie: ihre Kinder vom zerstörten Zuhause fernzuhalten. Sie hat ihren zweijährigen Sohn und ihre vierjährige Tochter tagsüber bei ihren Schwiegereltern untergebracht. Abends holt sie die beiden ab und fährt ins Hotel, in dem sie gerade leben. „Wir versuchen, es den Kindern als Abenteuer zu verkaufen“, sagt sie. Die beiden sind noch zu klein, um die Erklärungen der Eltern zu hinterfragen.

„Wir werden sie nicht rausschmeißen“

Wer ins Stadtzentrum fährt, trifft diejenigen, denen „Harvey“ keinen Besitz mehr nehmen konnte: Im George R. Brown Convention Center (GRB), das noch immer als Notfallunterkunft fungiert, leben noch knapp 1400 Menschen. Viele von ihnen sind mittellos oder leben auf der Straße.

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Bob Wallace, freiwilliger Helfer für das Rote Kreuz im Gorge R. Brown Convention Center (JL)

Mehr als 11.000 Menschen waren zeitweilig im GRB untergebracht. Wer per Boot aus seinem überfluteten Haus gerettet wurde, brauchte oft nur einen Schlafplatz für ein, zwei Nächte und ging dann zu Verwandten, Freunden oder ins Hotel. Wer jetzt noch hier ist, hat niemanden. „Wir werden nicht einfach die Türen schließen und sie rausschmeißen“ sagt Bob Wallace, Sprecher beim Roten Kreuz. Das Center solle zwar bald geräumt werden. Aber jetzt gehe es darum, den Verbliebenen den Schritt zurück in eine Form der Normalität zu ermöglichen: Entweder im sozialen Wohnen, in einer anderen Notunterkunft – oder wenigstens mit neuer Ausrüstung wie Schlafsäcken und sauberer Kleidung.

Das Problem: „Für viele öffentliche Anlaufstellen braucht man einen Ausweis – und den haben viele hier nicht“, sagt Wallace. Das Rote Kreuz will innerhalb der nächsten Tage im Center eine Anlaufstelle einrichten, die neue Ausweise für die Betroffenen ausstellt.

Die Nachricht lässt Michael strahlen. Er hockt auf einer Bank vor dem Center, wo sich viele der verbliebenen Bewohner die Zeit vertreiben. Manche sitzen allein und starren vor sich hin, andere hocken in kleinen Gruppen zusammen, einige reden mit sich selbst.

Michael trägt ein Trikot der Houston Rockets über seinem weißen T-Shirt, Baggypants und strahlend weiße Turnschuhe. Er will seinen Nachnamen und sein Foto nicht veröffentlicht sehen, doch er teilt seine Geschichte: Er hatte am Sonntag im Ben Taub Krankenhaus südlich von Downtown auf einen Arzt gewartet, der sich seinen verletzten Fuß ansehen sollte. Als das Wasser zu steigen begann, wurde das Krankenhaus evakuiert. Michael fand sich in einem Metro-Bus wieder, der ihn durch die steigenden Fluten zum GRB brachte.

Was für die meisten Einwohner Houstons den Tiefpunkt ihrer Erlebnisse während der Flut darstellt, wurde für Michael zum Ort der Hoffnung: „Hier sind so viele Ressourcen an einem Ort versammelt“, sagt der 38-Jährige. Seit seiner Ankunft wurde sein Fuß versorgt, er hat saubere Kleidung und regelmäßig eine warme Mahlzeit im Bauch, er kann sich frisch machen und hat einen trockenen Platz zum Schlafen. „Ich habe hier mehr auf die Reihe bekommen als in den vergangenen fünf Jahren“, sagt er.