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Szene aus einer Notunterkunft (Flickr)

„Harvey“ gilt schon jetzt als teuerste Naturkatastrophe in der US-Geschichte. In Houston beginnt das Aufräumen, doch das öffentliche Leben steht noch still. Manchen Betroffenen fehlt es noch immer an Essen und Medikamenten.

Federico Salas trägt noch immer dieselbe Kleidung, in der er am Sonntag aus seinem Haus in Greater Inwood im Nordwesten von Houston floh. Er, seine Frau Donna und die beiden erwachsenen Kinder Andrea und Sebastian sind bei Freunden untergekommen. „Wir haben Glück und können bei ihnen die Waschmaschine und den Trockner benutzen“, sagt Salas.

Der Familie bleibt nur, was sie am Leibe trug. „Die Kommode für T-Shirts und Unterwäsche hatte so viel Wasser in sich, dass wir nicht einmal die Schubladen öffnen konnten“, sagt Salar. Inzwischen hat sich das Wasser zwar aus dem Haus zurückgezogen, doch Teile des Gartens und der Straße sind noch immer geflutet. Salas und seine Familie verbrachten den Mittwoch damit, ihr Hab und Gut nach zwei Kategorien zu sortieren: „nicht zu retten“ oder „lass es uns versuchen“.

Die Familie will bleiben und sich ihr Leben neu aufbauen. Doch momentan fehlen ihnen dazu sprichwörtlich die Mittel. Seinen Hammer und einige andere Werkzeuge könne er natürlich abtrocknen und nutzen, so Salas. Doch die elektrischen Werkzeuge sind alle verloren. Salas‘ Schwager, der in Kalifornien lebt, setzte sich kurzerhand ins Auto und fuhr von San Diego nach Houston, um zu helfen. Zwischen dem drei Stunden entfernten San Antonio und Houston fand er nur zwei Baumärkte, die geöffnet hatten und einige wenige Werkzeuge verkauften.

Supermärkte rationieren ihre Waren

Auch die Versorgung der Supermärkte ist teilweise zusammengebrochen. Weil die Highways in die Stadt streckenweise weiterhin unpassierbar sind und manche Viertel noch immer unter Wasser stehen, können Lebensmittel nicht auf der Straße in die Stadt transportiert werden. Die großen Supermarktketten Kroger, HEB und Randalls hatten in Salas‘ Nachbarschaft am Mittwoch kaum Produkte in den Regalen – dafür aber lange Schlangen vor den Läden.

„Die Menschen brauchen dringend Vorräte“, sagt er. Seine Tochter Andrea war in der Lage, in einem HEB Wasser und Mandelmilch aufzutreiben, normale Milch war ausverkauft. Der Supermarkt ließ etappenweise jeweils 50 Leute in den Laden und limitierte den Verkauf von Brot, Wasser und anderen Grundnahrungsmitteln.

Die Nationalgarde bringt Lebensmittel mittlerweile auf dem Luftweg in die Stadt. Seit dem späten Mittwochnachmittag fahren die Busse des öffentlichen Nahverkehrs als Shuttles von den Notfallunterkünften zu den Supermärkten. Nach Schätzungen des Bürgermeisters von Houston, Sylvester Turner, befinden sich derzeit mehr als 30.000 Menschen in mehr als 230 Notunterkünften in und um Houston. Allein in dem George R. Brown Convention Center sind knapp 10.000 Menschen untergekommen.

Die ersten Flugzeuge starten wieder

„Harvey“ hat sich inzwischen abgeschwächt. In manchen Gegenden steht noch immer das Wasser, aber die Stadt versucht, das öffentliche Leben wieder anzukurbeln: Der Stromversorger Centerpoint hat die Zahl der nicht versorgten Haushalte auf 75.000 reduziert, doch mehr als die Hälfte davon ist für die Crews nicht zugänglich. Die Müllabfuhr war in den befahrbaren Gebieten im Dauereinsatz. Die Flughäfen George Bush International und Hobby ließen am Mittwoch wieder erste Flugzeuge starten, bis Montag soll der Normalbetrieb wiederhergestellt sein. Die Metro Houston soll einen Teil ihres Betriebs am Donnerstag wieder aufnehmen.

Die medizinische Versorgung ist in der Stadt und den Randbezirken angespannt. Sabine Cadell sorgt sich um ihre Schwiegertochter Alexis Johnson, deren Apartment in Katy in der Nacht zu Dienstag überflutet wurde. Johnson ist im siebten Monat schwanger und harrte mit ihrem Mann von 2 Uhr morgens bis 6.30 Uhr auf dem Balkon im zweiten Stock aus, bis sie per Boot gerettet wurden. Die werdenden Eltern sind jetzt bei Freunden untergekommen, die sie mit Essen und Kleidung versorgen. Johnsons Arzttermine sind bis auf Weiteres abgesagt worden. „Es gibt ein paar Apotheken, die offen haben. Für dringend notwendige Medikamente muss man zum Krankenhaus gehen“, sagt Cadell.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Unterdessen spenden unzählige Menschen Lebensmittel, Kleidung, Schlafsäcke und Hygieneartikel an Notunterkünfte und Kirchen. „In unserer Gegend kamen so viele Menschen zu den Anlaufstellen, dass sie teilweise schon abgewiesen werden mussten, weil genug da war“, sagt Andrea Nietz. Die Deutsche lebt in Spring im Norden der Stadt. Die Restaurants der Umgebung, die keine Flutschäden haben, lieferten Essen an die Notfallunterkünfte. Im südwestlichen Vorort Sugarland packten die Betreiber eines Pizzaladens unzählige Pizzen kurzerhand in Kajaks und lieferten sie an Familien, die in ihren Häusern festsaßen.

Die Katastrophenhilfe FEMA arbeitet mit Hochdruck daran, die Menschen aus den Notunterkünften zu holen und in Hotels oder in ihren Häusern unterzubringen, sofern diese schnell trockenzulegen sind. FEMA hatte am Mittwochmorgen bereits 195.000 Anträge auf Katastrophenhilfe erhalten und 35 Millionen Dollar Notfallgelder bewilligt.

Federico Salas hat die Notfallgelder bereits beantragt und auch mit der Versicherung gesprochen, doch deren Gutachter hat sich noch nicht gemeldet. Salas hat so viele Sorgen, dass er nicht weiß, worüber er zuerst nachdenken soll: der materielle Verlust, der Papierkram, die Reparaturkosten oder die fälligen Kreditzahlungen an die Bank.

Er fürchtet sich vor steigenden Prämien bei der Flutversicherung. Vor dem Tropensturm „Allison“ 2001 kostete die Flutversicherung in Salas‘ Nachbarschaft noch 236 Dollar pro Jahr. Er schloss sie freiwillig ab. „Seit ‚Allison‘ ist die Versicherung Pflicht und kostet 3800 Dollar pro Jahr“, sagt er. Er hofft, dass die Versicherung die Prämie nicht noch weiter erhöht.