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Nationalgarde im Einsatz (Flickr)

Hurrikan „Harvey“ und der heftige Regen machen in Houston Zehntausende obdachlos, ganze Viertel und Straßenzüge sind abgeschnitten. Betroffene berichten aus der überschwemmten Metropole.

Der Sonntag begann gerade zu dämmern, als Donna Salas aufstand und in die Küche ihres Hauses ging, um sich einen Tee zu machen. Eine halbe Stunde später weckte sie ihren Mann Federico, weil das Wasser sich seinen Weg ins Haus bahnte. Nur drei Stunden später stand das Wasser 90 Zentimeter hoch, der Besitz der Salas-Familie war verloren.

„Wir haben einige Dinge gerettet: Fotoalben und Boxen. Den Rest haben wir auf höhere Regale gestellt – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man keine hohen Regale mehr hat“, sagt Federico Salas. Im Laufe des Morgens mussten sie hilflos mit ansehen, wie 19 Jahre ihres Lebens an ihnen vorbeischwammen. Möbel trieben von einem Raum in den anderen, im Schlafzimmer fanden sich plötzlich Topfpflanzen aus dem Garten wieder.

Federico, seine Frau Donna und die zwei erwachsenen Kinder Andrea und Sebastian, die bei ihnen leben, hatten sich auf den Sturm vorbereitet: Sie leben nur einen Block vom Fluss White Oak Bayou entfernt im Nordwesten von Houston, in einem der dort typischen Flachbauten. Während des Tropensturms Allison im Jahr 2001 hatten sie schon einmal einen Wassereinbruch und entschieden sich zum Wiederaufbau. „Die Stadt hat Verbesserungen im Abflusssystem vorgenommen und wir dachten, dass sie erfolgreich waren“, erzählt Salas. Während der Überflutungen vor zwei Jahren sei ihre Nachbarschaft nicht betroffen gewesen. Diesmal kam es anders.

Die Kinder brachte sie extra nach Houston

Während für Salas der Sonntagmorgen zum Albtraum wurde, war es für Lauren Hamilton der Abend: Sie saß um 22 Uhr in Galveston, knapp 80 Kilometer südlich von Houston, und sorgte sich um ihre drei Kinder. Als „Harvey“ angekündigt wurde, hatte sie mit leichten Überschwemmungen in Galveston gerechnet, das bei starken Regenfällen häufig überflutet wird. „Ich wollte ihnen langweilige Tage bei schlechtem Wetter und Stromausfälle ersparen“, sagt Hamilton und fügt hinzu: „Ich dachte, meine Kinder seien in Houston sicherer als hier.“ Deshalb fuhr sie Oslo, Lyle und Sylvie – neun, sieben und drei Jahre alt – am Freitag zu ihrem Ex-Mann nach Houston.

Zwei Tage später starrte sie fassungslos auf ihr Handydisplay, als er ihr bei einem Videoanruf das steigende Wasser in seinem Vorgarten zeigte. „Sie hatten gerade entschieden, die Reservoire nördlich von seinem Haus zu öffnen und kontrolliert mehr Wasser in die Stadt zu leiten“, erzählt Hamilton.

Eine Überflutung des Hauses schien unausweichlich zu sein, die Kinder waren gerade ins Bett gegangen. Sie berichtet von der surrealen Unterhaltung mit ihrem Ex-Mann: ob er mit ihnen per Leiter aufs Dach oder in seinen SUV steigen sollte. „Es war schwer, mir in diesem Moment keine Vorwürfe als Mutter zu machen, dass ich die falsche Entscheidung für meine Kinder getroffen hatte.“ Am Ende hatten sie Glück im Unglück: Über Nacht ging das Wasser zurück, das Haus wurde nicht überflutet.

Im Pfarrhaus untergebracht

Salas und seine Familie verbrachten die Nacht bei einer Nachbarin – die einzige mit einem mehrstöckigen Haus. Vier Familien, insgesamt 15 Menschen, fanden bei ihr Zuflucht. Salas ist eines von bisher zehn Mitgliedern der Kirchengemeinde von Pastorin Karin Liebster, die in den Fluten ihren Besitz verloren haben. Die Gemeinde rückt derzeit zusammen und versucht, den Betroffenen Unterschlupf zu gewähren; eine Familie wird im leer stehenden Pfarrhaus untergebracht.

Liebster wohnt seit 20 Jahren bei Meyerland im Westen der Stadt. Während das Wasser dort nicht so hoch stieg und lediglich die Straßen überflutete, beobachtete die Pastorin während der Überflutungen der vergangenen Jahre eine besorgniserregende Entwicklung: „Das Wasser steigt definitiv stärker und schneller als früher“, so die Deutsche.

Das beobachtet auch Chris Wolf. Sie hat ein Apartment in einem Wohngebäude in River Oaks im Zentrum von Houston. Um ihre Wohnung muss sie keine Angst haben, die liegt im dritten Stock. Wolf sorgt sich lediglich um ihr Auto, das in der Garage geparkt ist. Sie hat rechtzeitig vor Einsetzen des Sturms bei ihrem Verlobten Zuflucht gesucht. Er lebt im Stadtteil „The Heights“, dem höchstgelegenen Bezirk. „Neun Meter über dem Meeresspiegel statt sechs Meter wie im übrigen Teil der Stadt“, erzählt sie.

Wolf und ihr Verlobter sitzen im Trockenen, doch „The Heights“ hat sich quasi in eine Insel verwandelt: Es gibt keinen Weg über den nahe gelegenen Buffalo Bayou, den größten Fluss der Stadt. Die Zufahrtsstraßen in andere Stadtteile sind weitestgehend abgeschnitten. Wolf überlegt, in ihrer Wohnung nach dem Rechten zu sehen – doch für den knapp fünf Kilometer langen Trip müsste sie einen 50 Kilometer langen Umweg machen – ohne zu wissen, ob sie nicht doch irgendwo an eine unpassierbare Stelle gelangt. Sie will nicht riskieren, dass der noch immer nicht endende Regen ihr am Ende den Rückweg abschneidet.

Eine schwere Entscheidung steht bevor

Trotz der Verwüstungen sind sich alle Betroffenen einig, dass die Entscheidung gegen eine Evakuierung richtig war. Sie alle verweisen auf Hurrikan „Rita“, bei dem die Evakuierung von Houston 2005 zum Debakel wurde: Hunderttausende strandeten auf den völlig überlasteten Highways. Mehr als hundert Menschen starben während der Evakuierung. „Man kann einfach nicht 6,5 Millionen Menschen auf die Straße schicken“, sagt Wolf.

Salas weiß noch nicht, ob er und seine Frau auch nach dieser Flut in ihrem Viertel Greater Inwood bleiben werden. „Mein Sohn Sebastian war ein Kleinkind, als wir in dieses Haus eingezogen sind“, erzählt Salas. Die Familie fühle sich emotional sehr an das Haus gebunden. „Aber wenn ich an eine Überflutung in der Zukunft denke, die es sicher geben wird, mache ich mir Sorgen: Meine Frau und ich werden dann Ende 60 sein – wollen wir das wirklich noch einmal durchmachen?“ Salas und seiner Familie steht eine harte Entscheidung bevor.