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Frekashow (Flickr)

George und Willie Muse waren schwarze Albinos. 1899 wurden sie ihrer Mutter gestohlen, in amerikanischen „Freakshows“ ausgestellt und ausgebeutet. Doch Harriet Muse erkämpfte sich ihre Söhne zurück.

Jeden Abend, wenn er zu Bett ging, berührte Willie Muse das gerahmte Bild seiner Mutter auf seinem Nachttisch. Sehen konnte er es nicht; er war seit Jahrzehnten blind. Aber seine Finger fuhren über das Foto von Harriet Muse, der er für immer dankbar war: Sie war schwarz, arm, Analphabetin. Und doch hatte sie sich erfolgreich mit den Mächtigen angelegt, um ihre Söhne zu retten – mitten in der „Jim Crow“-Ära, in der Schwarze als rohe, geistig unterlegene Primitivlinge dargestellt wurden.

George und Willie Muse waren afroamerikanische Albinos. Als Kinder wurden sie entführt und wegen ihres Aussehens zu Zirkusauftritten gezwungen: eine Attraktion zur Jahrhundertwende, Zirkusbesucher begafften sie wie Tiere. Harriet Muse suchte mehr als ein Jahrzehnt nach ihren Söhnen, forderte sie zurück und erkämpfte eine Entschädigung.

Den Kampf der mutigen Mutter und das Schicksal ihrer Söhne hat die Journalistin Beth Macy für ihr Buch „Truevine“ recherchiert. Dafür baute sie über zwei Jahrzehnte ein Vertrauensverhältnis zur Großnichte der Brüder auf, die Willie bis zu seinem Tod pflegte. Sie befragte Schausteller und arbeitete sich durch Zeitungsarchive, um Stück für Stück die ungewöhnliche Geschichte der Muse-Brüder zu rekonstruieren.

Afroamerikaner, aber weiße Haut und Haare

Geboren wurden George und Willie Ende des 19. Jahrhunderts in die Armut der Tabakplantagen um Roanoke (Virginia), beide mit einer Pigmentstörung: Sie hatten afroamerikanische Gesichtszüge, aber helle Haut und Haare. Ihr Augenlicht und das räumliche Sehen waren eingeschränkt; bis zur Mitte ihres Lebens sollten beide Brüder erblinden.

 Trotz ihrer Lichtempfindlichkeit mussten sie bei der Arbeit auf der Plantage helfen, Schädlinge von den Pflanzen sammeln, Tabakblätter pflücken. Um in der brütenden Sommerhitze nicht zu verbrennen, hüllten sie ihre weiße Haut in lange Lumpen. Wenn ihre Mägen knurrten, gab Harriet ihnen Tabakblätter zu kauen, um den Hunger zu betäuben.

Dann, eines Tages im Jahr 1899, kehrten George und Willie nicht nach Hause zurück.

Dem Dorfklatsch zufolge lockte ein Talentsucher namens Candy Shelton die Brüder mit Süßigkeiten zu seinem Planwagen und fuhr mit ihnen davon. Noch Jahrzehnte später warnten Eltern ihre Kinder: „Bleibt zusammen, sonst werdet ihr geschnappt wie die Muse-Brüder.“

Beth Macy fand Dokumente, die nahelegen, dass Harriet eine vorübergehende Vereinbarung mit dem Talentsucher getroffen hatte, um in Zeiten schwerer Armut ein paar Dollar dazuzuverdienen – und dann waren die Kinder fort. Willie erklärte bis zu seinem Tod, er und sein Bruder seien gestohlen worden. „Harriet fragte sich, ob sie die beiden je wiedersehen würde“, sagte Macy in einem Interview. Es sollte 13 Jahren dauern.

Von einem Zirkus zum nächsten

George und Willie, damals etwa neun und sechs Jahre alt, wurden von Shelton als Attraktionen in „Freakshows“ vermarktet. Als wichtigstes Unterhaltungsmedium der Jahrhundertwende präsentierte der Zirkus seinen Zuschauern neben Clowns, Magiern und Tieren auch Andersaussehende als Sensation, etwa Kleinwüchsige und Fettleibige. Die „Hackordnung“ beschreibt Beth Macy so: Siamesische Zwillinge als größte Attraktion, dann „ein Mensch ohne Beine, der Tricks konnte, und vielleicht ein Albino“.

Zwei Albino-Brüder waren schon eine Sensation. Selbst die ärmsten Farmarbeiter kratzten ihr letztes Geld zusammen für den seltenen Anblick, über den tagelang jeder sprach.

Die Muse-Brüder bekamen Shownamen verpasst: Als Eko und Iko mussten sie ihre Haare wachsen lassen und zu Dreadlocks drehen, die wild vom Kopf abstanden. Sie wurden in zu klein geratene Anzüge gesteckt und erhielten Instrumente. Als sich herausstellte, dass George und Willie herausragendes musikalisches Gehör hatten und jede Melodie sofort nachspielen konnten, machte sie das als Attraktion noch wertvoller.

Vermarktet als schafsköpfige Kannibalen

Bei ihren Auftritten wurden sie beworben als Darwins fehlende Verbindung zwischen Mensch und Affe, später als schafsköpfige Kannibalen. Wie Sklaven verkaufte Shelton sie von einem Zirkus an den nächsten. Vom Geld, das die Brüder einspielten, sahen sie nie etwas.

Weil sie Heimweh hatten, behauptete Shelton, ihre Mutter sei tot. George, drei Jahre älter als Willie, wurde zur Vaterfigur für den Jüngeren. Gemeinsam fanden sie Trost in einem Lied über Heimweh, das die Soldaten im Ersten Weltkrieg sangen: „It’s a long way to Tipperary. It’s a long way to go…“. Wann immer ein Regenbogen am Himmel erschien, erinnerte George seinen Bruder an die Worte der Mutter: Das sei Gottes Versprechen nach dem Sturm – eines Tages werde auch für sie der Sturm vorbei sein, dann würden sie ihre Mutter wiedersehen.

Harriet Muse wusste, dass George und Willie als Zirkusattraktionen durch die Staaten reisten, hatte aber keine Mittel, um sie aufzuspüren. Bei der örtlichen Polizei stieß sie auf Ablehnung: Der oberste Beamte war Leiter des örtlichen Ku Klux Klan; auch weitere Hilferufe wurden ignoriert. In einer Gemeinde, in der noch gelyncht wurde, waren zwei entführte schwarze Jungen nicht von Bedeutung. Obwohl Harriet Analphabetin war, schaffte sie es, eine Vermisstenanzeige zu fabrizieren und an das „Billboard-Magazin“ zu schicken, damals ein Branchenblatt für Schausteller. Aber niemand antwortete auf die Annonce.

Bis 1927 das Zirkusimperium der Ringling Brothers seine Zelte in Virginia aufschlug, landesweit bekannt für „The Greatest Show on Earth“. Den Besuchern versprach man einen Blick auf Eko und Iko, die „Botschafter vom Mars“, die in der Mojave-Wüste aus einem Raumschiff geklettert seien. Harriet machte sich auf den Weg ins eine Stunde entfernte Roanoke.

„Schau, da ist unsere gute alte Mutter“

Sie zahlte den Eintritt und wurde mit einer Gruppe Schaulustiger durchs Zelt geführt. Schwarze mussten sich mit einem Platz in der hinteren Reihe zufriedengeben. Als die Gruppe zu zwei jungen Männern mit afroamerikanischen Gesichtszügen, weißer Haut und weißen Dreadlocks gelangte, schob sich Harriet in die erste Reihe. George und Willie blinzelten während ihrer Nummer mit trüben Augen in die Menge, bis Willie seinen Bruder anstieß: „Schau, da ist unsere gute alte Mutter. Sie ist nicht tot.“

Die Brüder ließen die Instrumente fallen, sprangen von der Bühne und umarmten ihre Mutter. Doch das Wiedersehen wurde jäh unterbrochen: Der Zirkusmanager verlangte eine Erklärung. Acht bewaffnete Polizisten erschienen, schon bald gesellten sich die Anwälte hinzu, die mit dem Zirkus reisten.

Harriet aber stemmte ihre Hände in die Hüften. Sie erklärte, George und Willie seien ihre Söhne, die man ihr vor über zehn Jahren gestohlen habe. Sie verlangte die Freilassung. Die Brüder bekräftigten, sie wollten zur Mutter zurückkehren. Dank Harriets resolutem Auftreten – und vermutlich, um einen Skandal vor den Gästen zu vermeiden – stimmte die Zirkusdirektion zu.

Wenige Tage nach der Rückkehr ihrer Söhne marschierte Harriet erneut los. Sie nahm sich einen jungen Anwalt und verlangte eine nachträgliche Lohnzahlung für all die Jahre, in denen ihre Söhne zur Schau gestellt wurden. Harriet Muse gewann. Die genaue Höhe der Zahlungen ist unbekannt, doch Harriets neuer Ehemann verpulverte große Teile davon.

Endlich ein fairer Lohn

George und Willie fremdelten mit ihrem Stiefvater und mit ihrem neuen Zuhause, einer Hütte ohne fließend Wasser und noch karger als das Zirkusleben, das sie kannten. Mit Erlaubnis der Mutter kehrten sie 1928 zum Zirkus zurück und gingen auf Tour durch Amerika, nach Asien, Australien und Europa. In New York traten sie im Madison Square Garden auf, in London vor dem Königshaus.

Diesmal aber wurden sie für ihre Auftritte bezahlt: Harriet hatte eine Vereinbarung ausgehandelt, die ihren Söhnen einen fairen Lohn sicherte und zugestand, ihre Familie zu besuchen, wann immer sie wollten. Wenn ein Scheck platzte, schickte sie ihren Anwalt in die Spur. Mehrmals musste sie der Zahlungsmoral der Zirkusdirektoren so auf die Sprünge helfen. 1942 starb Harriet überraschend an einem Herzinfarkt. Als George und Willie 1961 in den Ruhestand gingen, hatte ihre Mutter ihnen eine anständige Pension gesichert und ein kleines Haus gekauft.

Nach ihrer Zeit im Zirkus lebten die Brüder zurückgezogen. Keiner von beiden heiratete; bis zu ihrem Tod wurden sie von Nichten und Verwandten versorgt. George starb 1971, Willie überlebte ihn um 30 Jahre. Er starb am Karfreitag 2001 im Alter von 108 Jahren.