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Big Bend Nationalpark (Flickr)

Berge, Canyons und der Rio Grande: Der texanische Nationalpark Big Bend an der Grenze zu Mexiko ist atemberaubend schön. Trumps geplante Mauer wäre ein herber Schlag für die Region – und bedrohlich für das Ökosystem des Parks.

Fünf Ruderzüge liegen zwischen den USA und Mexiko. Fünfmal holt der Bootsführer aus, um die Passagiere seines kleinen Ruderbootes über den Rio Grande zu bringen. Der Grenzfluss zwischen Texas und Mexiko ist hier so schmal und flach, dass man ihn durchwaten könnte.

Am mexikanischen Ufer angekommen, nimmt der Bootsführer fünf Dollar entgegen und händigt den Touristen Tickets von der Größe eines Jahrmarktloses aus, die sie für die Rücktour vorzeigen müssen.

Nirgendwo sonst ist der Grenzübertritt zwischen den USA und Mexiko so unkompliziert wie im texanischen Nationalpark Big Bend. Benannt nach der großen Kurve, in der der Rio Grande hier die Landschaft durchschneidet, zieht die atemberaubende Landschaft jährlich mehr als 380.000 Besucher an. Neben Wanderungen und Flusstouren gehört der Abstecher nach Mexiko für viele zum Highlight.

Nach einem zehnminütigen Eselsritt oder einer kurzen Autofahrt nach dem Übersetzen ist man in Boquillas del Carmen. Etwa 200 Mexikaner und genauso viele streunende Hunde leben hier. Boquillas hat eine Reihe ärmlicher Häuser, eine Schule und zwei Restaurants. Erst seit 2015 gibt es Elektrizität, sie wird von Solarzellen erzeugt.

In einem spärlich eingerichteten Container stempelt eine mexikanische Grenzbeamtin gleichzeitig Ein- und Ausreise ab: „Dann müssen Sie nicht noch mal wiederkommen.“ Vor der schattigen Terrasse des Restaurants Boquillas klampft ein alter Mann auf seiner verstimmten Gitarre. Nach einer Margarita geht es über den staubigen Schotterweg zu Fuß wieder zum Fluss.

Zurück im Grenzposten auf der amerikanischen Seite hilft der einzige hier stationierte Beamte bei der Bedienung des Automaten, der den Reisepass einliest. Per Telefon fragt eine Grenzbeamtin aus dem 600 Kilometer entfernten El Paso nach dem Zweck des Besuchs. Wenige Augenblicke später ist der Wiedereintritt genehmigt.

Trumps Mauer ist hier unerwünscht

Wenn es nach US-Präsident Donald Trump geht, ist mit dem unkomplizierten Grenzübergang bald Schluss. Ungeachtet aller Kritik will er die im Wahlkampf versprochene Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen. Ende Juli soll ein Prototyp vorgestellt werden, bevor der Kongress zu Beginn des neuen Finanzjahrs im Oktober 2017 über die Finanzen für den Bau abstimmt.

Doch Trumps Mauer ist im Big Bend unerwünscht. „Das ist einfach dumm. Eine Mauer ist hier gar nicht nötig“, sagt Charlie Angell, Inhaber von Angell Expeditions. Er bietet Raftingtouren auf dem Rio Grande durch Texas und Mexiko an. Viele Touristen haben ihn seit Trumps Amtsantritt besorgt auf das Thema angesprochen. „Sie sehen die Canyons und die raue Landschaft um den Fluss und fragen mich nach dem Warum“, sagt Angell.

Besucher des 3200 Quadratkilometer großen Parks lieben ihn wegen seiner Weite und den geografischen Extremen: von der Wüste im Norden, in der schon im März Temperaturen über 35 Grad herrschen, über die kühlen, von Bären und Berglöwen bewohnten Chisos Mountains im Zentrum bis zum atemberaubenden Santa Elena Canyon und dem Rio Grande im Süden.

Viele finden, dass die unwirtliche Natur allein schon Grenze genug ist. Die Zahlen geben ihnen recht: Seit 1971 werden in der Region Big Bend jährlich die wenigsten illegalen Grenzübertretungen gemeldet. 2016 waren es 6366, im Rio Grande Valley wurden dagegen 186.830 illegale Übertritte gemeldet. Eine Grenzanlage, die quer durch den Fluss und die Landschaft verläuft, würde in seiner optischen Monstrosität viele Touristen abschrecken. „Wenn die Mauer kommt, bin ich erledigt“, sagt Angell.

Der Rio Grande als wichtigste Wasserquelle

Auch für die im Park lebenden Tiere hätte eine Grenzanlage fatale Folgen. Viele von ihnen wandern auf der Suche nach Futter zwischen Mexiko und den USA hin und her. Der Rio Grande ist ihre wichtigste Wasserquelle. Angell, dessen Bootshaus direkt am Fluss liegt, beobachtet morgens oft Pekaris und Rehe, die zum Trinken an den Rio Grande kommen und dann in die Wüste zurückwandern. Auch zahlreiche Vögel leben und nisten in der Umgebung. „Allein der Lärm während des Baus würde viele von ihnen verscheuchen“, meint er.

Der National Park Service (NPS) ließ eine Anfrage zu dem politisch sensiblen Thema unbeantwortet. Ann Kovich, Verwaltungsratsvorsitzende der Big Bend Conservancy, die sich gemeinsam mit dem NPS um die Instandhaltung des Parks kümmert, erklärt: „Momentan gibt es noch keinen Gesetzentwurf, der die Bereitstellung von Geldern für den Bau einer Grenzmauer im Gebiet des Big-Bend-Nationalparks vorsieht. Wenn ein solches Gesetz vorgeschlagen wird, werden wir eng mit den texanischen Kongressabgeordneten zusammenarbeiten.“

Man vertraue vor allem auf den Kongressabgeordneten Will Hurd, in dessen Distrikt der Park liegt. Der Republikaner hält eine Mauer für einen teuren und ineffizienten Weg, die Grenze zu sichern. „Der Big-Bend-Nationalpark ist ein perfektes Beispiel für ein Gebiet, in dem eine Mauer unnötig ist und Umwelt, Eigentumsrechte sowie die Wirtschaft negativ beeinflussen würde“, sagt Hurd. Er plädiert dafür, Gelder in Personal und Überwachungstechnologien zu investieren. Die Grenzbehörde Border Patrol will ebenfalls lieber mehr Agenten statt einer Mauer.

Auch für Boquillas wäre eine Grenzschließung folgenreich, damit haben die Einwohner Erfahrung. Bis zum 11. September 2001 konnten Touristen das Dorf sogar ohne Reisepass besuchen, die Einwohner machten auf der texanischen Seite ihre wöchentliche Besorgungen. Nach den Terroranschlägen wurde die Grenze für elf Jahre geschlossen, die Einkommensquelle des Ortes versiegte. Die Mexikaner mussten beinahe zwei Stunden bis zum nächsten größeren Supermarkt fahren. Zahlreiche Bewohner kehrten dem Dorf den Rücken, Boquillas schrumpfte dramatisch.

Ökonomische Rückschläge sind eine Erfahrung, die bald auch prosperierende Grenzübergänge wie San Diego, Tucson und das Rio Grande Valley machen könnten. Die Zoll- und Grenzschutzbehörde hat den drei Gebieten für den Mauerbau oberste Priorität zugeordnet.