George Lincoln Rockwell bei einer Pressekonferenz (AP Photo/Harvey Georges)

George Lincoln Rockwell bei einer Pressekonferenz (AP Photo/Harvey Georges)

Er kämpfte gegen Hitler-Deutschland und wurde später selbst zum glühenden Nazi: George Lincoln Rockwell, „Führer“ der American Nazi Party, wollte ein Amerika ohne Schwarze, Juden, Kommunisten. Sein Begräbnis endete im Eklat.

Es war die außergewöhnliche Begegnung eines afroamerikanischen Reporters mit dem „American Hitler“. Alex Haley traf im Frühjahr 1966 George Lincoln Rockwell zum Interview am „Hatemonger Hill“ in Arlington (Virginia) – „Hügel der Hassprediger“ wurde das Hauptquartier der American Nazi Party genannt.

Als Alex Haley aus dem Taxi stieg, fiel ihm sofort das Schild auf: „Weißer Mann kämpfe – zermalme die schwarze Revolution“. Der Wachmann in Nazi-Uniform sah den schwarzen Besucher die Treppe hinaufgehen und erstarrte kurz. Vor dem Gespräch im Auftrag des „Playboy“-Magazins hatte der Journalist versichern müssen, nicht jüdischer Abstammung zu sein – nach seiner Hautfarbe hatte keiner gefragt.

Haley wurde gefilzt und wartete im Schrein-Zimmer, geschmückt mit USA- und Nazi-Flaggen, Gemälden von George Washington, Adolf Hitler und einem Rockwell-Selbstporträt. Als Haley vorgelassen wurde, hatte der Parteiführer einen bewaffneten Bodyguard an der Seite und eine Waffe in Griffweite.

„Ich werde ehrlich mit Ihnen sein“, begann Rockwell, „wir nennen Ihre Sorte Nigger und denken, dass Sie alle nach Afrika verschifft werden sollten.“ Haley erwiderte: „Commander, ich bin schon mehrmals Nigger genannt worden, diesmal werde ich sogar sehr gut dafür bezahlt. Also legen Sie los und erzählen Sie mir, was Sie gegen uns haben.“

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Ausführlich legte der Parteichef dar: Schwarze seien animalisch und weniger intelligent als Weiße. Amerika müsse von Juden befreit werden; den Holocaust habe es nie gegeben; die Judenverfolgung bezeichnete Rockwell als Selbstverteidigung. Sein Ziel: „Alle weißen christlichen Länder der Erde zu einer rassischen, religiösen, politischen und militärischen Einheit zu formen.“

Alex Haley hatte zuvor schon zusammen mit Malcolm X dessen Autobiografie geschrieben und wurde später weltbekannt durch die spektakuläre TV-Verfilmung seines Sklaverei-Romans „Roots“. Das lange „Playboy“-Interview markierte im April 1966 den Höhepunkt der bizarren politischen Karriere von George Lincoln Rockwell.

Seine Partei zählte selbst zu besten Zeiten lediglich um die 200 Mitglieder, doch mit Provokationen erlangte Rockwell Berühmtheit. Regelmäßig marschierte er mit seinen uniformierten Getreuen auf und ab zwischen Kapitol und Washington Monument. Auf Tour mit dem „Hate-Bus“ protestierte er gegen die Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und erfand als Antwort auf die „Black Power“-Bewegung den „White Power“-Slogan, heute im Standardrepertoire all jener, die von der Überlegenheit der Weißen überzeugt sind.

In Rockwells Biografie deutete zunächst wenig auf eine Entwicklung zum unverbesserlichen Radikalen hin. Geboren 1918 in Bloomington (Illinois) pendelte er als Scheidungskind zwischen den Häusern seiner Eltern im mittleren Westen und an der Atlantikküste von Maine. Sein Vater, Varieté-Künstler George „Doc“ Rockwell, hatte oft Showbiz-Größen wie Benny Goodman oder Groucho Marx zu Besuch.

Navy-Karriere statt Studium

Schon im Philosophiestudium ab 1938 war Rockwell Anhänger der „Christian Identity“-Bewegung, einer Sammlung von christlichen Fundamentalisten, Rassisten und Rechtsextremen mit Hang zu Gewalttaten. Bald brach er das Studium ab und absolvierte bei der Navy eine Pilotenausbildung. Frisch verheiratet diente Rockwell im Zweiten Weltkriegs auf US-Kriegsschiffen im Atlantik und Pazifik. Er war also am Kampf gegen Hitler-Deutschland und gegen Japan beteiligt, erhielt bis 1945 diverse Auszeichnungen und stieg zum Commander auf.

Nach Kriegsende schrieb er sich für ein Kunstprogramm in Brooklyn ein. Beflügelt vom Gewinn von 1000 Dollar für ein Werbeposter der American Cancer Society ging Rockwell 1948 nach Maine, um mit Freunden ein Werbebüro zu eröffnen. Die Firma scheiterte.

Auf einen Einsatz im Koreakrieg 1950 folgte 1952 die Entsendung nach Island. Rockwell ließ Frau und drei Töchter in den USA zurück und heiratete nach der Scheidung noch im selben Jahr eine Isländerin. Nach der Rückkehr in die USA gab er ein Magazin für Soldatenfrauen heraus; „US Lady“ floppte und wurde bald eingestellt.

Chronisch pleite und geplagt von Existenzsorgen begann sich der Kriegsveteran zu radikalisieren. Anfang der Fünfzigerjahre las er mit wachsender Begeisterung rechtsradikale Pamphlete, dann auch „Mein Kampf“.

Seine Anhänger nannten sich Stormtrooper

„Binnen eines Jahres war ich ein ganzer Nazi und verehrte den größten Geist der letzten 2000 Jahre: Adolf Hitler“, so Rockwell später. Seine Thesen fanden so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Gehör. Bis 1959 hatte Rockwell nur ein knappes Dutzend Unterstützer gesammelt – aber genügend Spenden, um der Gruppe einen Namen zu geben: American Nazi Party (ANP).

Die ANP war nicht die erste Nazi-Bewegung in den USA. Schon in den Dreißigern feierte der Amerikadeutsche Bund unter Leitung des deutschstämmigen Fritz Kuhn Hitlers Geburtstag und lud zu Zusammenkünften mit deutschem Essen und Gesang. Auf eine Versammlung im New Yorker Madison Square Garden im Februar 1939 folgte Kuhns Inhaftierung wegen Veruntreuung von Geldern. Er wurde 1943 als Sicherheitsrisiko eingestuft, verlor die US-Staatsbürgerschaft und wurde Ende 1945 nach Deutschland abgeschoben.

Als gebürtigem Amerikaner drohten Rockwell solche Konsequenzen nicht. Mit seinen Anhängern, den „Stormtroopers“, bezog er ein Farmhaus in Arlington. Rockwells zweite Ehefrau hatte schon bald genug und kehrte nach Island zurück; das Paar wurde 1961 geschieden.

Im gleichen Jahr veröffentlichte der selbsternannte Führer seine Autobiographie „This Time The World“. Eine verblüffende Allianz bildete sich: Der schwarze Bürgerrechtler Elijah Muhammad lud Rockwell zu Versammlungen der „Nation of Islam“ (NOI) ein. Diese Gruppe propagierte die Rassentrennung und einen eigenen Staat für Schwarze. Nur wo, darüber waren die beiden Anführer uneins: Rockwell forderte, alle Schwarzen nach Afrika zu deportieren – Muhammad wollte ein Stück von Amerika.

Schüsse vor einem Waschsalon

Am 25. Februar 1962 sprach Rockwell zu 12.000 Schwarzen: „Ihr wisst, dass wir euch Nigger nennen. Aber möchtet ihr nicht lieber von einem ehrlichen Weißen konfrontiert werden, der euch ins Gesicht sagt, was all die anderen hinter eurem Rücken sagen?“ Das NOI-Publikum war das größte, vor dem Rockwell je sprach.

Zwecks Mobilisierung für seine Nazi-Partei fantasierte Rockwell davon, dass an Hitlers Geburtstag ein Flugzeug über New York City fliegen und mit Rauch ein Hakenkreuz in den Himmel zeichnen sollte. Und zum Geburtstag des israelischen Staatsgründers David Ben-Gurion sollte ein Davidsstern am Himmel mit braunem Rauch überzogen werden.

Weder regelmäßige Übernachtungen im Gefängnis noch Anfeindungen ließen Rockwell zweifeln. Im „Playboy“-Interview erklärte er seine Bereitschaft, für die nationalsozialistische Sache zu sterben, das erwarte er sogar – allerdings nicht, bevor er seine Mission erfüllt habe: „Unser Land braucht einen Führer. 1972 ist das Jahr, in dem ich zum Präsidenten gewählt werde.“

Es kam ganz anders.

Am 25. August 1967 besuchte Rockwell in Arlington einen Waschsalon, wo er regelmäßig seine Uniformen reinigte. Als der 49-Jährige seinen Chevrolet rückwärts ausparkte, fielen zwei Schüsse. Ein Zeuge sah Rockwell hinter dem Steuer unnatürlich zucken. Der Wagen rollte in ein geparktes Fahrzeug, Rockwell fiel aus der Tür tot auf den Asphalt – eine Kugel im Kopf, eine zweite im Herzen.

Schnell hatte die Polizei den Attentäter gefasst: John Patler, 29 Jahre alt, Ex-Marine und enttäuschter Rockwell-Fan. Er war vier Monate zuvor wegen „bolschewistischer Neigungen“ aus der ANP geflogen.

Als Kriegsveteran stand Rockwell eine Beerdigung auf einem Militärfriedhof zu. Die Trauergemeinde erschien am 30. August mit Nazisymbolen, prompt brachen die Behörden das Begräbnis ab. Das Pentagon verweigerte danach eine offizielle Beerdigung und übergab den Leichnam der Partei. Nach ANP-Angaben wurde er am 31. August 1967 verbrannt.