Sioux Mädchen auf einem Pferd

Sioux-Mädchen zu Pferd (Flickr)

Um Amerikas Ureinwohnern „heidnisch-barbarische Rituale“ auszutreiben, griffen Missionare zu christlich-barbarischen Mitteln. Sie verprügelten Kinder mit Knüppeln oder wuschen ihnen den Mund mit Lauge aus.

Es begann gerade zu dämmern, als zehn Indianer-Polizisten in die Hütte von Sitting Bull eindrangen und ihn festnahmen. Sie befahlen ihm, sich anzuziehen und zogen ihn nach draußen zu 33 weiteren Polizisten. In Windeseile hatten sich 150 Anhänger Sitting Bulls versammelt und forderten seine Freilassung. Im Tumult fiel ein Schuss. Ein Polizist schoss im folgenden Feuergefecht Sitting Bull in den Kopf.

Das geschah am 15. Dezember 1890 im Standing Rock Reservat im neuen US-Bundesstaat North Dakota. An diesem Tag verloren die Sioux ihren bedeutendsten Führer. Und nur zwei Wochen später metzelten Soldaten Hunderte Sioux nieder. Die Tragödie am Fluss Wounded Knee zählt zu den Schandflecken in der Geschichte der USA.

Sitting Bull hatte sich bis zuletzt für das Wohl der Sioux-Stammesgruppe der Lakota eingesetzt. Er protestierte gegen das Zurückdrängen der Sioux in Reservate und gegen die dortigen Lebensbedingungen. Die Zwangsassimilierung seines Volkes lehnte er ebenso ab wie die Religion der Weißen.

Sein Widerstand war vergeblich: Heute ist ein Großteil der verbliebenen Sioux katholisch. Ihre systematische Umerziehung beschreibt der Schweizer Historiker Manuel Menrath in seinem Buch „Mission Sitting Bull“, anhand von Erinnerungen der Lakota und von Aufzeichnungen des Schweizer Geistlichen Martin Marty. Marty gilt in den USA als „Apostel der Sioux“ – doch seine Methoden zeugen von allem anderen als christlicher Nächstenliebe.

„Euch zu treuen Christen und guten Bürgern machen“

Siedler hatten den Lakota ihr Land geraubt, der „Indian Removal Act“ von 1830 ermöglichte die Zwangsdeportation in Reservate. Die Bisons waren bald ausgerottet, die einst stolzen Jäger auf Lebensmittelrationen angewiesen. Die Siedler hatten den Ureinwohnern Pferde und Waffen abgenommen und wollten sie zu sesshaften Farmern umerziehen.

Das letzte Stück Kultur, das den Lakota blieb, war ihre Spiritualität. Bis Martin Marty kam. Der in die USA eingewanderte Benediktinerpater verantwortete von 1876 bis zu seinem Tod 1896 die Missionierung im Lakota-Territorium. Den Indianern verkündete er: „Nach jeglichem Maßstab der Gerechtigkeit sollte Ersatz geleistet werden, und das geschieht am besten dadurch, euch in den Besitz jener Wahrheiten und Sitten zu bringen, die euch gegen weiteres Übel schützen und zu treuen Christen und guten Bürgern machen werden.“

Die Missionare bauten Kirchen und Schulen in den Reservaten, Kinder isolierten sie in Internaten von ihren Eltern. 1877 ließ Marty das erste Internat im Standing Rock Reservat bauen. Der Lehreifer hatte auch finanzielle Gründe: Der Staat bezahlte das Lehrpersonal und zusätzlich 100 bis 150 Dollar pro Schüler.

„Jakob Blassgesicht, Sohn des gehörnten Hundes“

Manche hungernden Eltern schickten ihren Nachwuchs freiwillig in die Schule. Andere hofften, sie würden die Weißen dort besser verstehen lernen, um später auf Augenhöhe mit ihnen verhandeln zu können. Der Lakota-Häuptling Luther Standing Bear erinnerte sich an die Worte seines Vaters: „Wir müssen ihre Lebensweise kennenlernen, damit wir mit ihnen leben können.“ Weigerten sich Eltern, wurden ihnen die Lebensmittelrationen gekürzt, oder man drohte, die Kinder in die gefürchtete staatliche Schule Carlisle außerhalb des Reservats zu schicken.

Traditionelle Kleidung und Perlenschmuck der Kinder wurden von den Missionaren verbrannt. Nachdem man sie gewaschen und neu eingekleidet hatte, bekamen Jungen einen Kurzhaarschnitt, Mädchen eine westliche Frisur. Dazu vergaben die Missionare christliche anstelle indianischer Vornamen: Oliver Zitronenfalter, Sohn des Adlers – oder Jakob Blassgesicht, Sohn des gehörnten Hundes.

Den Alltag prägte die benediktinische Formel „ora et labora“, bete und arbeite. „Die größte Schwierigkeit bei unsern Knaben ist, ihre angeborene Abneigung gegen die Arbeit zu überwinden. Man muss wissen, dass es Kinder geborener Bettler sind“, schrieb ein Pater über seine Zöglinge.

Goldener Pfad in den Himmel

Um sie zu fleißigen Christen zu erziehen, wurden die Schüler spätestens um sechs Uhr geweckt und zum Morgengottesdienst geschickt. Nach dem Frühstück folgten Unterricht, Mittagessen und Abwasch, am Nachmittag die Reinigung von Kleidung und Schuhen, eine Inspektion, erneut zwei Stunden Unterricht sowie Arbeiten im Haushalt. Nach dem Abendessen um 17.30 Uhr gab es eine kurze Phase der Erholung, bevor die Kinder von 18.30 Uhr bis 20 Uhr erneut lernen oder arbeiten mussten und um 20 Uhr das Gebet zur Nachtruhe sprachen.

Im Unterricht trichterte man ihnen „Die zwei Wege“ die katholische Dogmatik ein: Zum Himmel führte ein goldener Pfad, gesäumt von der Schöpfungslehre, dem Glaubensbekenntnis der Apostel, der Gründung der Kirche, Sakramenten und theologischen Tugenden. Dagegen führte ein schwarzer Weg, umgeben von Sünden und Lastern, direkt in den Rachen des Teufels.

Die Lakota kannten weder Gott noch Teufel. Sie glaubten an die Universalenergie „Wakan Tanka“. Alle Dinge und Wesen im Kosmos betrachteten sie als Volk; alle Völker bewohnten gemeinsam mit Sternen, Mond, Sonne und Winden das Universum. Die Lakota glaubten, dass sie nur mit dem Wohlwollen der Natur überleben konnten – der Mensch als Krone der Schöpfung war mit ihrem Weltbild unvereinbar.

Die Lakota Mary Crow Dog zitiert in ihrem Buch „Lakota Woman“ das Merkblatt mit Geboten, das ihr Großvater erhielt: „Lege deine Decke ab, schneide dir das Haar und kleide dich wie ein weißer Mann. Gründe eine christliche Familie mit nur einer Frau für das ganze Leben. Lebe in einem Haus wie dein weißer Bruder. Arbeite hart und wasch dich oft. Geh oft und regelmäßig zur Kirche. Geh nicht zu Indianertänzen oder zu Medizinmännern.“

Mund mit Lauge ausgewaschen

Rituelle Tänze waren ein Kernelement der indianischen Spiritualität, vor allem der Sonnentanz: Tänzer stachen sich Holzstücke durch die Brust und befestigten sie an Schnüren, die sie an einen heiligen Pfahl banden. Wenn sie vier Tage lang ohne Nahrung und Wasser um den Pfahl getanzt hatten, ließen sie sich rückwärts fallen. Die Holzstücke wurden aus der Brust gerissen; blutend lagen sie am Boden und warteten auf Visionen.

Der Sonnentanz galt den Lakota als Ausdruck höchster Verehrung der Energie Wakan Tanka: Sie opferten ihren Hunger und Durst, ihre Erschöpfung sowie das eigene Fleisch und Blut. In den Augen der Missionare waren solche Rituale heidnisch und barbarisch. Auf ihr Drängen hin verbot die US-Regierung den Tanz 1883.

Sprachen die Schüler ihre Sprache, drohten Schläge, oder ihnen wurde der Mund mit Lauge ausgewaschen. Jede Sünde musste gesühnt werden: Auf milde Vergehen wie Missachten der Hausordnung, Unaufmerksamkeit oder Ungehorsam standen als Strafe Essensentzug, ungeliebte Arbeiten oder Schläge. Nach schweren Vergehen wie Flucht wurden die Kinder mit Lederriemen ausgepeitscht oder mit Knüppeln geschlagen.

Eine Möglichkeit zum Widerstand blieb ihnen kaum. Nach der Schulzeit lebten manche tatsächlich nach der katholischen Lehre, andere vereinbarten Teile davon mit dem traditionellen Weltbild ihres Stammes. Die dritte Gruppe lehnte das Christentum vollends ab und kehrte zur Spiritualität zurück. Menrath nennt auch eine vierte Gruppe: jene, die lebenslang traumatisiert waren – oder ihre Umerziehung nicht überlebten.