Szene der Verwüstung: Galveston nach dem Hurrican, der am 8. September 1900 über die Insel zog (<a href="https://www.flickr.com/photos/boston_public_library/12618641234/in/photolist-ke4QpU-quCcRT-8afZk1-523ZrX-a3W5Vz-fSssXD-8aciLp-8achW2-8ag8cS-duYtdp-8ag7FS-8ag1s5-fjTDUw-8acn56-8afy2y-bvtjJm-mATSx-bxraaZ-aiuHn9-5XwKBg-5XB5k7-57KaKg-uDLDjC-qupKzh-quyfJH-quyhjg-qLPvNP-qJG45u-quwT5p-qLUCyy-qLPvkp-8afBoS-8acpVK-8acMmv-6TQVNH-8ag2ud-5XAX65-8afCKQ-8afZTY-8afztd-714Hui-6N11jM-8afz11-5qk5kW-8acmiP-LwzoP-5nGnbD-iSGk2-Jgh423-uBguLD">Flickr</a>)

Szene der Verwüstung: Galveston nach dem Hurrican, der am 8. September 1900 über die Insel zog (Flickr)

Eine acht Meter hohe Flutwelle, Sturmböen von 225 Stundenkilometern – am 8. September 1900 wurde das schmucke Galveston in Texas von einem Wirbelsturm zerstört. Mindestens 6000 Menschen starben.

Als der Sturm die Außenmauern des St.-Mary-Waisenhauses abzutragen begann und das Wasser weiter stieg, fasste Mutter Oberin M. Camillus Tracy einen Entschluss: Sie und die neun Schwestern schlangen den jüngeren der 93 Kinder ein Stück Wäscheleine um den Bauch und banden sich das Ende selbst um die Taille, um sie im Chaos des Hurrikans nicht zu verlieren. Jede der Nonnen bildete eine Kette mit sechs bis acht Kindern, nur einige ältere waren auf sich allein gestellt. Um die Kleinen zu beruhigen, stimmten sie ihr Lieblingslied an: „Queen of the Waves“ – Königin der Wellen.

Dann fuhren die Naturgewalten mit voller Wucht in das Gebäude und zerstörten es binnen Sekunden. Die Nonnen und die Kinder wurden weggespült. Die Wäscheleine, zur Rettung gedacht, brachte das Verhängnis: Sie verfing sich in Trümmerteilen und zog die Menschenkette unter Wasser. 90 Kinder und alle zehn Schwestern ertranken. Nur drei Jungs überlebten: Die Nonnen hatten ihnen keine Wäscheleine umgebunden.

Die Tragödie im Waisenhaus ist eine von vielen an jenem 8. September 1900, als ein Hurrikan der zweithöchsten Kategorie vier die texanische Stadt Galveston nahezu auslöschte. Mit mindestens 6000 Opfern, nach manchen Schätzungen sogar mehr als 10.000 Toten, gilt der Galveston-Hurrikan als bis heute tödlichste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA – weit verheerender noch als der Wirbelsturm Katrina, der 2005 im Südosten rund 1800 Menschenleben forderte. Und doch ist der Hurrikan des Jahres 1900 außerhalb von Texas fast in Vergessenheit geraten.

Auf dramatische Art widerlegt wurde eine Meteorologie, die erst in den Kinderschuhen steckte und dennoch alles über das Wetter zu wissen glaubte. Galvestons Chef-Meteorologe Isaac Cline hatte ein Jahrzehnt vor der Katastrophe in einem Artikel versichert: „Kein Hurrikan könnte der Stadt Galveston etwas anhaben.“

Anhand von Clines Wetteraufzeichnungen, Memoiren und Zeitzeugenberichten lassen sich die Ereignisse der Nacht rekonstruieren. Autor Erik Larson hat die Geschichte im Bestseller „Isaacs Sturm“ verarbeitet.

Die modernste Stadt in Texas

Cline war 1889 mit seiner Frau Cora Mae und seinen drei Töchtern nach Galveston gezogen. Die Insel vor der Küste von Texas ist eine 43 Kilometer lange und fünf Kilometer breite Sandbank, im Norden das Wasser der Galveston Bay, im Süden der Golf von Mexiko. An ihrer höchsten Stelle erhebt die Insel sich zweieinhalb Meter über den Meeresspiegel.

Die Stadt galt Ende es 19. Jahrhunderts als New York der Golfküste. 1899 war Galveston größter Umschlagsplatz für Baumwolle und drittwichtigster Hafen der USA, angelaufen von 45 Dampfschifflinien. Die Geschäftsstraße „The Strand“ galt mit ihren zahlreichen Versicherungen und Banken als „Wall Street des Südwestens“.

Ihren Wohlstand stellten die Einwohner mit viktorianischen Villen zur Schau. Besucher waren fasziniert von der Architektur und dem technischen Fortschritt, der stets zuerst nach Galveston kam: erste Poststelle in Texas, erster Anschluss ans Telefonnetz, das elektrische Licht. Hier ging die erste Baumwollpresse des Landes in Betrieb, wurde die erste Medizinhochschule gegründet, eröffnete das erste Opernhaus in Texas. Dagegen war das 80 Kilometer nördlich gelegene staubige Houston ein Provinzkaff, auf das man herabblickte.

Zwischen 1865 und 1924 landeten mindestens 200.000 Einwanderer im Hafen von Galveston. Zur Jahrhundertwende war die Stadt der wichtigste Einwandererhafen nach New York. Am 7. September meldete die Zeitung „Galveston Daily News“ die neuesten Zensuszahlen: 37.789 Menschen lebten in der Stadt, sie war in gut zehn Jahren um ein Drittel gewachsen.

Regen als willkommene Abkühlung

Am folgenden Morgen beobachtete Meteorologe Cline ungewöhnlich hohe Wellen, die in großen Abständen auf den Strand trafen. Das Thermometer zeigte 35 Grad bei gut 95 Prozent Luftfeuchtigkeit. Seit Wochen litt der Süden des Landes unter einer drückenden Hitzewelle. Cline telegrafierte ans Hauptquartier des nationalen Wetterservice in Washington D.C.: „So hohe Wellen bei gegensätzlichem Wind. Noch nie beobachtet.“

Zwei Tage zuvor war ein Tropensturm über Kuba gezogen. Die Kollegen in Washington hatten Cline informiert, Galveston solle sich auf Regen und hohe Wellen einstellen. Die „Galveston Daily News“ meldeten auf Seite zehn: „Die Mitarbeiter des Wetteramtes erwarten keinerlei gefährliche Störung.“ Eine Warnung kubanischer Meteorologen, der Tropensturm könne dramatisch an Kraft zunehmen, hatte es nie nach Washington geschafft.

Am frühen Morgen des 8. September 1900 setzte Regen ein. Isaac Cline hisste die Sturm-Flagge. Nach der Hitze war der Regen eine willkommene Abkühlung: Kinder spielten in den Pfützen, Frauen rafften ihre Kleider und wateten barfuß durch das Wasser. Die Windböen nahmen auf 64 Stundenkilometer zu, tiefer liegende Straßen wurden überflutet.

Im Stadtzentrum traf sich ungeachtet des Wetters der Dampfschiff-Agent Stanley Spencer zum Mittagessen mit Richard Lord, Vertreter eines Baumwollexporteurs. Sie speisten im „Ritters Café and Saloon“ unter einer Druckerei. Auf den Zuruf, es seien 13 Leute im Raum, erwiderte Spencer lachend, er sei nicht abergläubisch. „Einen Moment später riss ein mächtiger Windstoß das Dach des Gebäudes ab. Die Decke stürzte mit Schreibtischen, Stühlen und den brutal schweren Druckerpressen in das Restaurant. Spencer und Lord waren sofort tot“, schreibt Buchautor Larson.

Acht Meter hohe Flutwelle

Als Cline um 14.30 Uhr die Gefahr erkannte und die Hurrikan-Flagge hisste, hatte das Wasser bereits alle Brücken zum Festland überschwemmt. Den Einwohnern war jeder Fluchtweg abgeschnitten.

Bei der Rückkehr zu seiner schwangeren Frau traf Isaac Cline um 16 Uhr ganze 50 Nachbarn in seinem Haus an. Es sei absolut sturmsicher, hatte er immer behauptet. Draußen trieb der Wind mit 160 Stundenkilometern Gischt, Holztrümmer, Häuserdächer durch die Gegend. Licht, Telefon- und Telegrafenleitungen waren längst ausgefallen.

Clines Bruder Joseph, ebenfalls Meteorologe, kämpfte sich um 17.30 Uhr durch die Fluten, die ihm schon bis zum Hals reichten. Er drängte seinen Bruder, Schutz im höchstgelegenen Teil der Insel zu suchen, weil der Sturm weiter zulegte. Isaac bestand darauf, im Haus zu bleiben.

Eine Stunde später drehte der Wind. Das Auge des Hurrikans hatte die Insel erreicht.

In nur vier Sekunden stieg das Wasser noch einmal um mehr als einen Meter. Dann wälzte eine Flutwelle von beinah acht Metern Höhe über die Insel. Aufgepeitscht von 225 Stundenkilometer starken Sturmböen riss das Wasser ein 400 Meter langes Stück Stahlgerüst der Straßenbahn am Strand aus der Verankerung und trieb es wie einen gigantischen Rammbock vor sich her. Mit voller Wucht prallte es gegen Clines Haus, das aus der Verankerung riss, zur Seite kippte und sank.

Isaac Cline ertrank beinahe. Er konnte sich mit seinem Bruder und seinen Töchtern auf ein Stück Holz retten. Seine schwangere Frau war verschwunden. Von den 50 Menschen, die im Haus Zuflucht gesucht hatten, überlebten nur 18.

„Sturmwarnungen kamen rechtzeitig“

Die Stadt stand jetzt komplett unter Wasser. Um Mitternacht trieben Tausende Überlebende auf Trümmerteilen durch die dunkle Nacht.

Als der Sturm abzog, waren 3600 Häuser verschwunden. Ein Drittel der Insel war dem Erdboden gleichgemacht, zwei Drittel waren schwer beschädigt. Tausende Tote wurden auf ein Dampfschiff verladen und auf See über Bord geworfen. Zwei Tage danach spülte der Golf die aufgeblähten Leichen zurück an den Strand. In der Not entschied man sich, sie am Auffindungsort zu verbrennen. Wochenlang loderten Tag und Nacht überall Feuer.

Isaac Cline kehrte am 17. September ins Büro zurück. In seinem offiziellen Bericht schrieb er: „Sturmwarnungen kamen rechtzeitig und flächendeckend nicht nur in Galveston, sondern in der gesamten Küstenregion.“ Am 30. September wurde die Leiche seiner schwangeren Frau Cora Mae entdeckt.

Zum Schutz vor künftigen Stürmen wurde 1904 ein 5,2 Meter hoher und 12 Kilometer langer Schutzwall errichtet. Die gesamte Insel wurde um mehr als fünf Meter aufgeschüttet. Galvestons glorreiche Zeiten waren dennoch vorbei. Denn bald, nachdem die Stadt vom Hurrikan zerschmettert worden war, eröffnete 1914 der Schiffskanal nach Houston, wo man Öl entdeckt hatte. Der Wind hatte gedreht – und das staubige Provinzkaff zum neuen Herzen des südlichen Texas gemacht.

(einestages)